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Maja und Kris

Endlich Ferien!
Fröstelnd schlinge ich mir den Schal dreimal um den Hals und trete hinaus auf den Bahnsteig. Verdammte Kälte. Naja, wir leben hier ja nicht in der Karibik, also ist das ganz normal für Anfang Februar.
Verstohlen sehe ich mich um. Ich habe da diese Paranoia: dass ich nach jemandem Ausschau halte, der mich längst entdeckt hat und sich heimlich über mich kaputtlacht, weil ich mal wieder nichts mitkriege.

Unschlüssig blinzele ich in das trübe Nachtmittagslicht und schiebe die Reisetasche zwischen meinen Füßen von links nach rechts. Seit mindestens einer geschlagenen halben Stunde bin ich aufgeregt wie bescheuert. Fast sechs Wochen lang haben wir uns jetzt nicht gesehen, Kris und ich. Kris, von Kristian, mit K. Das ist mein Freund. Es ist alles sehr aufregend: ich bin im Begriff, exakt JETZT mit ihm zusammenzuziehen. Das Aufregende kommt erstens daher, dass Kris eben ein aufregender Typ ist, haha, und zweitens mache ich mir ein bisschen ins Hemd, weil ich noch nie mit anderen Leuten zusammengewohnt habe. Seit ich studiere, habe (beziehungsweise: HATTE!) ich mein eigenes kleines Souterrainloch. Seinerzeit hatte man es als Appartement angepriesen, aber das ist keine treffende Beschreibung. Nein, wirklich nicht.
Egal, die Zeiten des unterirdischen Hausens sind, sofern sich in den nächsten zehn Minuten keine maßgeblichen Katastrophen wie, sagen wir mal, Weltuntergänge oder Meteoriteneinschläge ereignen, fürs Erste vorbei. Vergangenheit! Adiós, Weberknechte über dem Bett, au revoir, ihr Verstimmungen fördernden Lichtverhältnisse!

Ich muss noch erwähnen, weshalb wir uns solange nicht gesehen haben, Kris und ich. Er fängt in greifbarer Zukunft (theoretisch: morgen) mit seiner Magisterarbeit an, die er eine ganze Weile vor sich hergeschoben hat, und die Zeit vor der Urteilsvollstreckung (dem selbstauferlegten, allerallerletzten es-wird-höchste-Zeit-also-fange-ich-verdammt-noch-mal-endlich-AN-Termin) hat er bei einem Bekannten in Stuttgart verbracht, der ihm einen Job als Webdesigner für eine kleine Firma vermittelt hat. Der Bekannte hat ihm dann auch die notwendigen Fähigkeiten vermittelt, in einer Art privatem Crashkurs.
Am Telefon war Kris ganz optimistisch: sollte seine Inspiration, was die Arbeit anbelangt, mal etwas durchhängen, könne er sich an Ort und Stelle (also: vor dem Rechner) gemütlich mit einem Quentchen Herumdesignerei erfrischen. Ich fürchte, wenn er fertig ist, habe ich ein total verstrahltes Wrack an meiner Seite.

Aber erstmal habe ich FERIEN. Die Wohnung, die er für uns zwei aufgetan hat, liegt etwa dreißig Kilometer von der Uni entfernt, das heißt: ich muss ab dem Sommersemester regelmäßig Bahnfahren. Naja, es gibt Schlimmeres.

Mann, bin ich gespannt. Nicht nur auf die Wohnung, auch auf ihn: wir waren noch nie so lange voneinander getrennt. Knapp zwei Jahre sind wir mittlerweise zusammen, und es ist mir noch nie langweilig geworden mit ihm. Jedenfalls hat er angedeutet, das viele Sitzen habe ihm ein paar zusätzliche Pfunde beschert, aber das bekäme er schon in den Griff, ich solle also nicht gar zu sehr erschrecken. Ich muss ja ganz ehrlich sagen: da muss man schon andere Kaliber auffahren, um mich zu erschrecken!
Kris neigt von Natur aus sowieso etwas zum Molligen, was mich aber nie gestört, sondern, im Gegenteil, immer eher angezogen hat. Gewohnheitsmäßig bemüht er sich, nicht zu oft über die Stränge zu schlagen. Er muss, wie er das nennt, eben ein bisschen aufpassen. Von mir aus muss er eigentlich auf nichts aufpassen, und weil ich ihm das auch hin und wieder zu verstehen gebe, macht er wenigstens keine albernen Diäten oder rennt ständig ins Fitnesscenter oder sowas. Männer machen ja heute vor nichts mehr halt, genau wie Frauen. Ich muss mich ja selber regelrecht zusammenreißen, um nicht dauernd in sogenannte FRAUENGESPRÄCHE über den Fettgehalt von Magerquark oder Taktiken zur Vermeidung von Cellulite verwickelt zu werden. Es ist eine ziemliche Gratwanderung: einerseits will ich ein gutes Vorbild sein, und essen und trinken was und wann ich will, andererseits habe ich ebensowenig Lust auf blöde Sprüche wie alle anderen westlich sozialisierten Menschen. Mein Kompromiss geht so: ich passe eben auch ein bisschen auf. Nur ein bisschen, aber wenn ich das nicht täte – naja, dann wäre ich mit Sicherheit um einiges fülliger.

Im Moment gehe ich so gerade noch als schlank-im-weitesten-Sinne durch: um die fünfundsechzig Kilo hab ich normalerweise, zur Zeit sind es gut achtundsechzig, was auf die verschiedenen Abschiedsessen bei Freunden und Familie zurückzuführen ist, zu denen ich, es Umzugs wegen, eingeladen war.
Okay, das sind drei Kilo mehr als sonst: nicht, dass KRIS da einen Schrecken bekommt?! Aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen, er gehört zu den Männern, die gern sagen: ein bisschen was zum Anfassen muss schon dran sein.

Ich ertappe mich bei der Überlegung, was das in seinem Fall wohl heißt: ein paar zusätzliche Pfunde. Für gewöhnlich hält er seit wir uns kennen seine neunzig Kilo, mal auch ein bisschen mehr, weniger aber selten.

Sicherheitshalber werfe ich noch einen prüfenden Blick auf die spiegelnden Glasscheiben der Tür, die sich inzwischen hinter mir geschlossen haben. Scheint alles in Ordnung zu sein: ich habe diesen trendigen Stufenschnitt, gerade so lang, dass man einen winzigen Zopf machen kann, und der ist glücklicherweise unverwüstlicher als Dreiwettertaft. Meine Haare sind jetzt wieder dunkel, nach einem kurzen Ausflug ins Blonde, womit ich ziemlich zufrieden bin. Passt wohl besser zu meinen Augen, die sind braun. Alles in allem kann mich mein Spiegelbild heute nicht schocken, das ist ja schon mal was.
Ich wage mich ein paar Schritt vor (begleitet von vorsichtigem Spähen) und ENDLICH sehe ihn: am entgegengesetzten Ende des Zuges.

Wir fallen uns in die Arme, als hätte man einen von uns gerade gemeinsam mit einem Fernsehteam aus einer todbringenden Ausnahmesituation gerettet, zum Beispiel einer Verschüttung im Eis bei einer Besteigung der Eiger Nordwand.
„Da bist du ja endlich“, strahlt er.
„Der Zug hatte Verspätung“, strahle ich zurück.
Gentlemanmäßig wuchtet er meine Tasche hoch und pustet sich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht. Er sieht atemberaubend aus, wie immer. Große Veränderungen kann ich jedenfalls nicht feststellen – allerdings trägt er ja auch seine dicke Winterjacke.
„Ich bin so aufgeregt“, erkläre ich und hüpfe nebem ihm die Treppe herunter, „wegen der Wohnung, und überhaupt, wegen allem – oh Mann, wie ziehen zusammen!“
Wieder strahlt er mich an. „Die Wohnung ist echt klasse, dir wird dir gefallen“, sagt er, „echt.“


„Oh, wow“, ist alles, was mir einfällt, als ich im Wohnzimmer stehe.
„Wahnsinn, oder“, fragt Kris, und wirft die Jacke schwungvoll über die provisorische Garderobe im Flur.
Wir haben riesige Fenster, einen riesigen Balkon, eine riesige Küche und gepflegten, hellen Holzboden in allen Räumen. Es ist das komplette Gegenteil meiner gammeligen, düsteren Exbehausung. Ich bin erstmal ganz überwältigt.
Kris kommt zu mir herüber und fasst mir um die Taille. Ob ihm auffällt, dass die Jeans ein bisschen knapper sitzt als sonst, frage ich mich unwillkürlich. Schon irgendwie verrückt, wenn man sich für ein paar Pölsterchen schämt, obwohl man genau weiß, dass der andere nichts dagegen einzuwenden haben dürfte – und man sie selbst im Grunde ja auch ganz hübsch findet.
Diszipliniert verdränge ich die ärgerlichen Gedanken und ziehe ich ihn enger an mich.
Immerhin bin ich nicht die Einzige, die zugenommen hat: sein Gesicht ist tatsächlich etwas runder geworden, und der Bauch auch, wie ich erfreut feststelle. Weil ich die Finger nach der langen Phase der Entbehrung sowieso nicht von ihm lassen kann, streiche ich ihm versonnen über die angenehm nachgiebige Wölbung.
„Das viele Sitzen“, entschuldigt er sich verlegen, „hab ich ja schon angedeutet.“
„Hm“, mache ich unbestimmt, und vergrabe mein Gesicht vorübergehend in seinem Pulli.
„Außerdem“, fährt er fort, „hat in Stuttgart das Essen so gut geschmeckt. Martin ist ja total dünn, und frisst dabei aber den ganzen Tag wie ein Bekloppter, unglaublich. Man fragt sich, wo der das alles lässt! Ständig hieß es: ach, lass uns doch kurz zum Italiener gehen...“
Bekräftigend tätschelt er seine Nabelgegend. „Naja, jedenfalls stellt sich bei MIR nicht die Frage, wo ich das alles gelassen hab.“
Er grinst mich schief an und ist sich augenscheinlich noch nicht sicher, was ich davon halte.
„Italiener ist ein gutes Stichwort“, finde ich und piekse ihm in die gut gepolsterte Seite, „wie siehts denn hier in der Gegend mit Pizzaservice aus?“
Kris reibt sich immer noch versonnen den Bauch.
„Hm“, zögert er, „ich hab mir das echt richtig angewöhnt, abends so viel zu essen.“
Von MIR aus braucht er sich das auch gar nicht wieder abzugewöhnen!
Stirnrunzelnd schaue ich zu ihm auf.
„Na und“, frage ich, mit einer gehörigen Portion gespielter Verständnislosigkeit.
Er seufzt ergeben.
„Okay“, gibt er nach, „Appetit hätt ich ja schon.“

Sehr satt und sehr zufrieden liegen wir zwei Stunden später auf dem Sofa herum und hören 2raumwohnung. Das ist genau die Musik, die man in einer neuen Wohnung hören sollte, geht es mir durch den Kopf. Dass die Einrichtung noch nicht ganz vollständig ist (meinen Hausstand bringen wir am Wochenende her, zusammen mit Bekannten, die ihren Bulli zur Verfügung stellen), verleiht der Atmosphäre sogar eher noch mehr Besonderheit. Alles ist so neu!
Naja, nicht ganz: Auf dem Tisch stapeln sich die Überreste unseres Festessens: die beiden Pizzakartons, eine leere Flasche Cola, eine Eisschachtel (das Eis ging auf Kris’ Konto – er ist einfach der Typ, der nicht widerstehen kann, wenn ihm erstmal klar geworden ist, dass es beim Pizzaservice nicht nur Pizza gibt), ein einsam übriggebliebener Kinderriegel (mein gewesener Reiseproviant) und drei Päckchen Sahnepudding (Vanille), die sich, bis wir des Weges kamen, noch friedlich und ahnungslos im Kühlschrank aufgehalten hatten.
Meine Hose kneift mittlerweile ziemlich arg, und mir wird bewusst, dass ich mich in den vergangenen zwei Wochen auch schon einigermaßen an reichhaltige, abendliche Mahlzeiten gewöhnt hatte.
„Mann, war das lecker“, murmele ich, und strecke mich ein bisschen.
„Die Pizzanummer merken wir uns“, stimmt Kris zu.
„Aber ganz schön satt bin ich jetzt“, sage ich, und bin immer noch auf der Suche nach einer Lage, die den Hosenbund etwas lockert. Am liebsten würde ich den obersten Knopf aufmachen, aber das ist mir doch irgendwie peinlich.
„Das liegt wohl mehr an dem ganzen Zeug, das wir AUßERDEM gegessen haben“, korrigiert Kris und macht eine ausladende Geste.
„Okay“, gebe ich ihm Recht, „das spricht natürlich mit.“
Ganz leise regt sich das schlechte Gewissen in meinem Innern. Wir haben wirklich ganz schön zugelangt, das kann man nicht anders sagen.
Unerfreulicherweise legt Kris nun auch noch seine Hand direkt auf die Knopfleiste meiner Jeans und bewegt beiläufig die Finger.
„Lass das“, empfehle ich ihm halb ernst und winde mich unbehaglich.
„Warum“, grinst er.
Ich verkneife mir das obligatorische weil-ich-dick-bin-wie-ein-Wal, obwohl ich mich sehr danach fühle. Aber der Verzicht auf solcherlei Äußerungen gehört zu den Dingen, auf die ich stolz bin. Für mich ist das frauenfeindlich, ach was: menschenfeindlich, und dabei bleibt es. Ich muss mich allerdings stark beherrschen.
Kris macht die Situation nicht unbedingt besser.
„Kann es sein“, fängt er mit seiner was-sich-liebt-das-neckt-sich-Stimme an, „dass dieses klitzekleine Bäuchlein hier“ – er klopft sanft mit der flachen Hand gegen den strapazierten Stoff – „vor sechs Wochen noch nicht da war?“
„WIE bitte“, rege ich mich auf.
Er zuckt die Achseln, hört aber mit dem Geklopfe keineswegs auf.
„Kommt mir nur so vor“, bemerkt er schlicht.
„Die Hose“, erwidere ich, „war immer schon eng.“
„Ja“, grinst er, „aber: SO eng?“
Hey, denke ich, das sollte alles MEINE Tour sein!
„Was willst du damit sagen“, frage ich ihn gereizt.
„Dass du vielleicht langsam ein bisschen pummelig wirst“, raunt er anrüchig und beißt mir ins Ohrläppchen.
„PUMMELIG“, herrsche ich ihn an.
„Jetzt sei doch nicht so empfindlich“, ärgert er mich und nimmt mich ganz fest in den Arm, „wer hat mich schließlich zum Pizzaessen überredet, hm?“ Beleidigt kneife ich die Augen zusammen. „Obwohl“, führt er mit Nachdruck aus, „obwohl ich ja wohl um einiges PUMMELIGER bin als du.“
Wo er recht hat, hat er recht.
„Du könntest gut ein paar Kilo mehr vertragen“, sagt er, „zum Beispiel hier“, er zwickt mir in den Speck, der über die Jeans quillt, „oder hier“, er drückt arglos meine rechte, dank der einschnürenden Hose für meine Verhältnisse ziemlich ausgeprägte Hüftrolle, „oder natürlich da“, sprichts, und berührt sachte mein ohnehin von Natur aus nicht unbedingt spärlich ausgestattetes Dekolleté.
Ich schwanke zwischen Entsetzen und Begeisterung.
„Aber auf jeden Fall“, fügt er hinzu, „sollten wir es dir erstmal ein bisschen bequemer machen.“ Mit beiden Händen greift er um mich herum und macht sich an meiner Jeans zu schaffen. Ich gebe es nur ungern zu: wie er mich anfasst, also, das hat was, keine Frage. Deshalb halte ich auch meine Klappe, anstatt mich weiter über Phantasieprobleme zu beschweren.
Als Kris alle Knöpfe gelöst hat, muss ich reflexartig erstmal aufatmen.
„Besser“, erkundigt er sich amüsiert.
Blöde Frage.
Ich sehe an mir herab und erkenne bestürzt, dass mein KLITZEKLEINES BÄUCHLEIN mit malerischen roten Abdrücken dekoriert ist und die Hose ein ganzes Stück weit auseinanderklafft. Bei diesem Anblick kann ich mir kaum vorstellen, dass sie jemals zu war.
„Immer noch beleidigt“, fragt Kris nach kurzem Schweigen.
Ich finde, es ist an der Zeit zu handeln.
Flink richte ich mich auf und drehe mich zu ihm um. Mein befreiter Abschiedsessenspeck rollt sich dabei leider unvorteilhaft zu zwei ansehnlichen Polstern zusammen. Egal, jetzt widmen wir uns DIR, mein lieber Kris.
„Wer im Glashaus sitzt“, warne ich ihn, was unglücklicherweise natürlich wenig angebracht ist, da er das ja gar nicht bestritten hat. Im Gegenteil.
Und weil er das genauso gut weiß wie ich, nimmt er mir umgehend den Wind aus den Segeln.
„Klar“, stimmt er lachend zu, „mit mir kannst du noch lange nicht mithalten.“
Unterstreichend schiebt er seinen Pullover hoch und klatscht sich auf den sichtbar üppigeren Bauch, der durch das Lachen erst richtig in Bewegung gerät. Ich kann gar nicht aufhören zu starren und muss schlucken.
„Ich hab ganz schön was auf die Rippen gekriegt, in Stuttgart“, erzählt er vergnügt, „das musst du erstmal aufholen.“

So langsam finde ich Gefallen an der Unterhaltung. Ihm scheint es nicht anders zu gehen – sonst würde er schließlich nicht so drauf herumreiten, oder?
Okay, es ist alles nur halb im Scherz dahingesagt – aber habe ich nicht, lange schon, heimlich auf so eine Situation gehofft? Im Grunde hatte ich mich doch immer ein bisschen bedeckt gehalten, damit, wie sexy ich ihn finde und wie sehr es mich anmachen würde, wenn er noch ein bisschen an Gewicht zulegen würde. Naja – und da kann ich es ihm wohl kaum verdenken, wenn er es ihm ähnlich geht – in Bezug auf mich.
„Sieht man kaum“, lüge ich provokativ und umkreise mit dem Finger seinen breiten Nabel, „können ja höchstens zwei, drei Kilo mehr sein als vorher.“
Ungläubig hebt er die Brauen.
„Zwei, drei? Nee, nee. Heute morgen war ich bei, halt dich fest: siebenundneunzig.“
Ui!
„Aha“, entgegne ich betont beiläufig, „und wieviel waren es vorher?“
„Einundneunzigeinhalb“, informiert er mich, „naja, eigentlich fast zweiundneunzig.“
„Hm“, mache ich und inszeniere meinen schönsten Schlafzimmerblick, „dann würde ich mich jetzt gern mal etwas genauer mit deinen siebendundneunzig Kilo beschäftigen...“


Okay, das war erstmal alles nur Spaß, ja?
Nach der Wahnsinnsbegrüßungsnacht habe ich versucht, nicht mehr dran zu denken. Gut, Kris war ein bisschen runder als vorher, phantastisch, war mir recht, wie gesagt – aber das wars dann auch. Ich gab mir alle Mühe, mir nicht vierfarbig und dreidimensional auszumalen, wie ihm das VIELE SITZEN, haha, in der nächsten Zeit bekommen würde. Ist doch absurd, sich über so was Gedanken zu machen, richtig? Eben.

Er hat es übrigens tatsächlich getan: einen Tag nach meinem Einzug mit seiner Arbeit begonnen. Weil ich ihn davon natürlich nicht abhalten will, mache ich mir in der Zwischenzeit ein schönes Leben (es ist mittlerweile längst März geworden und ich gönne mir noch ein paar Tage Freizeit, bevor ich mich an meine eigenen Hausarbeiten begeben werde), erkunde die Gegend, und lasse alles ganz entspannt angehen.
Dazu muss ich sagen, dass der entspannte Lebensstil heimtückischerweise mit ganz eigenen Auswirkungen einhergeht. Zum Beispiel fühle ich mich öfter ausgeschlafen und schaffe es, ins Schleppen geratene Freundschaften wiederzubeleben, aber darauf wollte ich jetzt gar nicht hinaus. Ich wollte darauf hinaus, dass das Zusammenwohnen und die viele Freizeit unbedingt zum Essen animieren.
Morgens frühstücken wir gemeinsam, was bedeutet, dass man sich verquatscht und die ganze Prozedur sich in die Länge zieht. Und wenn man mehr Zeit am Tisch verbringt, dann bringt einen das schon mal auf Ideen, wie: eigentlich bin ich fertig, aber das Schokobrötchen da vorn lacht mich grad so an. Oder: Wir haben da ja noch diesen Kuchen. Der würd doch jetzt ganz gut passen, rein geschmacklich. Oder: besser, ich esse schnell das letzte Mars Midnight bevor es jemand anders tut.
Weil wir spät aufstehen, essen wir spät zu Mittag, und weil einem da der Vormittag verpflegungsmäßig schon mal ein bisschen lang werden kann, genehmigen wir uns mit schönster Regelmäßigkeit gern was Süßes zwischendurch oder teilen uns eine Tüte Chips.
Meistens sind wir nach dem Mittagessen der Ansicht, dass man das Abendessen eigentlich ausfallen lassen könnte, zumal wir nachmittags mit Begeisterung ausgiebig Kaffeetrinken (natürlich mit Kuchen oder Keksen dazu). Aber gegen neun oder zehn kommt einer von uns beiden gemeinhin doch noch mit dem Vorschlag PIZZASERVICE um die Ecke. Und der jeweils andere fühlt sich natürlich zum Mitessen angestiftet, logisch.

Ich bin dazu übergegangen, nur noch meine geräumigsten Klamotten zu tragen und habe mir sogar eine neue Hose gekauft – zwei Nummern größer, weil mir alles andere zu unbequem erschienen war. Ich bin aber der Ansicht, dass sie klein ausfällt. Außerdem wollte ich mir die Schmach ersparen, nach meiner üblichen Kleidergröße (40, manchmal auch 42) zu greifen und nachher nicht reinzupassen.
Ich habe mir vorgenommen, wieder ein bisschen in Form zu kommen wenn das neue Semester anfängt. Solange rede ich mir ein, dass unter den verhältnismäßig weiten Pullis und Sweatshirts die paar Wohlstandspfunde nicht so auffallen. Ich möchte das süße Leben einfach noch eine Weile genießen, ohne Stress, das ist alles.

In weiser Voraussicht bin ich jedenfalls heute zum ersten Mal nach WOCHEN auf die Waage geklettert.
Eigentlich gehöre ich ja zu den Leuten, die selbstbewusst verkünden, es mache ihnen nichts aus, wenn man mal ein, zwei Kilo mehr drauf hat. Frauenpower und so, klar, man darf sich nicht bange machen lassen von der Fitness-Beauty-Wellness-Industrie! So eine bin ich.
Natürlich sieht es dann aber doch ein bisschen anders aus, wenn es mal MEHR als ein, zwei Kilo mehr sind. Keine Frage, ich hab mir echt ordentlich was angefressen in der letzten Zeit, und wenn ich mich mal in Unterwäsche oder Badeanzug oder gar NACKT versehentlich am Spiegel vorbeikomme, ist das auch nicht zu übersehen, da kann ich mir die Umstände schön reden, wie ich lustig bin.

Tja, und heute morgen musste ich es dann endlich wissen: um WIEVIEL mehr als ein, zwei Kilo mehr es sich konkret handelt.

Selbstverständlich erledigte ich das VOR dem Frühstück (und ohne vorher etwas zu trinken, das hätte bloß das Ergebnis zu meinen Ungunsten verfälscht!), und natürlich in Minimalbekleidung: Slip, BH, Trägershirt.
Bevor ich mich traute, der Realität ins Auge zu sehen, nahm ich eine grobe Schätzung vor. Fangen wir rückblickend mal mit dem erfreulicheren Teil an: mein Busen ist voller geworden, ganz eindeutig. Ich merke es an den BHs, die B-Körbchen sind mir alle ein bisschen zu klein geworden und die Träger schneiden ein. Ich sah mich im Geiste also schon von 80B auf 85C umsteigen. Naja, in Ordnung, kann ich mit leben, dachte ich.
Um die Taille herum gestaltet sich das Ganze schon etwas finsterer, wie ich bei meiner sorgfältigen Untersuchung betrübt feststellen durfte. Früher (also: NORMALERWEISE) bin ich immer sehr zufrieden gewesen mit meinen kurvigen Proportionen, die es wirklich gut mit mir meinen. Ich war ja nie direkt dünn, aber diese Falte, die sich vom Rücken zu den Schulterblättern zieht, bekam ich nur, wenn ich mich ein bisschen drehte. Jede Frau macht solche Tests. Jede Frau weiß ganz genau, bei welchen Bewegungen ihr Körper sich in unvorteilhafte Falten legt und bei welchen nicht. Ob sie von solchen Überlegungen nun grundsätzlich etwas hält oder nicht.
Jetzt sieht das alles leider ein bisschen anders aus: ich brauche mich nur einen Hauch nach links oder rechts zu lehnen, schon schiebt sich auf der entsprechenden Seite ein nicht wegzudiskutierendes Speckröllchen zwischen meine (vollkommen unsichtbaren, da offenbar gut genug gepolsterten) Rippen und die allgemeine Hüftgegend. Wenigstens ist der Kurvigkeitsfaktor noch da: meine Hüften haben nämlich auch ein paar Kalorien abbekommen. Weich und füllig prangen sie überhalb des Slips, den ich ursprünglich auch irgendwie größer gekauft hatte. Meine Oberschenkel sind definitiv breiter als gewohnt, was mir besonders nahe geht, wenn ich sitze und die ganze Angelegenheit NOCH breiter wirkt, und meine Arme kann ich lustig knautschen, wenn mir mal langweilig wird. Oh Mann. Tja, und dann wäre da noch, wir erinnern uns: das klitzekleine Bäuchlein, das, es hilft ja nichts, inzwischen ein richtiger kleiner Bauch geworden ist.

Todesmutig warf ich einen Blick in den großen Badezimmerspiegel und fühlte mich, was meine schlimmsten Befürchtungen betraf, bestätigt: unter dem anliegenden, türkisfarbenen Top wölbte sich drall und mollig ein perfekt gerundeter Speckbauch. Die Mulde, die der Nabel ausbildete, wirkte ebenfalls sehr symmetrisch. Ich fand es ekelhaft, was die Natur so alles an Formen hervorbringt.
Ehrlich schockiert drehte ich mich zur Seite. Na, immerhin hatte der Busen einen kleinen Vorsprung vor dem Bauch. Erleichtert atmete ich aus. Oh, Scheiße. Okay, dann eben nicht.
Und wem gehörte eigentlich dieser dicke Hintern? So langsam hatte ich keine Lust mehr, mein Gewicht zu kontrollieren. Es würde auf über siebzig Kilo hinauslaufen, soviel war mal klar. Vielleicht zweiundsiebzig? Oder dreiundsiebzig?
Behutsam setzte ich einen Fuß auf die Waage und zog dann allmählich den Rest nach. Zur Sicherheit hielt ich mich auch noch am Türrahmen fest. So, jetzt stand ich drauf. Ach du Schande. Der Zeiger war bei vierundsiebzig stehengeblieben. Vor Schreck ließ ich die Tür los. Hätte ich das mal nicht getan! Jetzt hieß es nämlich: satte sechsundsiebzig Kilo.
Ich versuchte, es mit Humor zu nehmen und unterhielt mich ein bisschen mit meinem Spiegelbild. „Ist immerhin was dran an dir“, murmelte ich mir selber zu und bekam eine anständige Speckrolle aus dem Hüftbereich zu fassen. „Das ist eben weiblich“, schmeichelte ich und bemühte mich, mir wenigstens ein kleines bisschen zu glauben.
Ich betrachtete mich noch einmal aus der seitlichen Perspektive und blies überwältigt die Backen auf. Wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich demnächst ein Doppelkinn, der Ansatz dazu ist schon vorhanden.
„Ganz schön fett geworden bist du“, musste ich mir eingestehen.
Ein vernehmliches Magenknurren deutete zu allem Überfluss an, dass ich verdammten Hunger hatte. Das ist ja das Schlimme: seit ich mich essenstechnisch so gehen lasse, habe ich viel schneller wieder Hunger als sonst. Und da Kris sich auch alles andere als zurückhält, werde ich ständig verführt. Ich seh es schon kommen: in diesem Haushalt werde ich noch dick und rund und faul und gefräßig. Naja – letzteres bin ich ja schon, und ersteres bahnt sich gerade an.

Soweit die Bestandsaufnahme.
Wenn ich nach meinen Idealen leben würde, sollte es mir nichts ausmachen. Und manchmal, ganz weit hinten im Kopf, meldet sich ein leises Stimmchen, das mir zuraunt: genau, es sollte dir nichts ausmachen, lass es dir gutgehn, essen macht Spaß, hau ruhig rein, tu dir die Ruhe an – das macht dein Freund schließlich auch. Also, Schätzchen: was ist dein Problem?

Dass Kris so hemmungslos zuschlägt trägt wirklich maßgeblich zu meiner Unfähigkeit, die sogenannte Notbremse zu ziehen, bei. Da fallen bei mir einfach die letzten Widerstände, wenn ich sehe, wie er genüsslich abends um elf vor dem Fernseher eine Packung Karamelleis auslöffelt, obwohl er zwei Stunden vorher eine Riesenportion Lasagne verputzt hat. Sein Dasein findet sowieso hauptsächlich zwischen PC, Sofa und Bett statt, ein Rhythmus, der maximal von gelegentlichen Kinobesuchen oder kleineren Spaziergängen unterbrochen wird.
Auf diese Weise ist er ganz schön auseinandergegangen, mein lieber Schwan. Von seinen Hosen passt ihm fast keine mehr, also trägt er vorwiegend Joggingkram. Wenn wir rausgehen, muss eine alte Jeans herhalten, die er irgendwann vor meiner Zeit gekauft hat, als er vorübergehend etwas dicker war. Bei der muss er aber auch schon den Knopf aufmachen, wenn wir uns irgendwo hinsetzen.

Das Beste ist, dass es ihm überhaupt nichts auszumachen scheint. Möglicherweise hängt das mit dieser speziellen ersten Nacht hier zusammen, ich weiß es nicht. Seitdem läuft es zwischen uns – wie soll ich das beschreiben? Zügelloser? Es ist ein bisschen so, als hätten wir uns von ein paar überflüssigen Sorgen befreit. Sorgen, wie man sie so mit sich rumschleppt: findet der andere mich anziehend, oder stellt er sich heimlich Heidi Klum/Brad Pitt vor, sollte ich mir vielleicht gründlicher die Beine/die Achseln/den Hintern rasieren, oder artverwandten Schwachsinn.
Nach zwei Jahren ist man natürlich nicht mehr so besorgt wie ganz am Anfang einer Beziehung. Aber ein paar Zweifel bleiben doch meist übrig – und genau die haben sich endlich in die Stratosphäre verflüchtigt.
Um das mal anschaulich zusammenzufassen: es ist einfach sehr erfrischend, wenn einem klar wird, dass man nie mehr den Bauch einzuziehen braucht.
Nach landläufiger Ansicht ruinieren wir beide gerade synchron unsere Figur und haben auch noch Spaß dabei. HA! Unerhört, was?

Tja, und mit exakt diesen Parolen versuche ich mir seit heute morgen das schlechte Gewissen abzugewöhnen. Okay, ich habe in knapp zwei Monaten acht Kilo zugelegt, na und? Wenn ich nicht gerade zufällig ich selber wäre, fänd ich das ziemlich sexy.
Und darum werde ich mir auch jetzt, jawohl: JETZT die Tüte mit den Tortillachips und den Käsedip schnappen und mich zu meinem Freund gesellen, der gerade Frauentausch guckt. (Ja, richtig: Frauentausch. Ein guter Ausgleich zur Entwicklung der isorhythmischen und isoperiodischen Ars-Nova-Motette vor 1340. Das ist sein Thema für die Arbeit.)
„Heute werde ich meinem Untermieter per Videobotschaft einen Heiratsantrag machen“, erklärt die eine getauschte Frau gerade.
Ich reiße die Chipstüte auf und lasse mich neben Kris aufs Sofa fallen.
Er hat sich entspannt zurückgelehnt und friemelt mit einer Hand an einer Haarsträhne. Die andere Hand ruht auf seinem Bauch. Unter dem T-Shirt zeichnet sich sogar die Rolle unter seiner weichen Brust ab. Er hat mehr zugenommen als ich, bei hundertsechs Kilo sei er, hat er gestern nebenbei erwähnt, achselzuckend. Er wirkte dabei keineswegs erschüttert. Kein Wort davon, dass er mal wieder auf irgendwas aufpassen müsste. „Irgendwie muss man den Stress mit der Arbeit ja kompensieren“, hatte er gegrinst.
„Und so wird es dann natürlich meine ganze Familie erfahren“, sagt die Frau im Fernsehen.
Kris schüttelt ungläubig den Kopf. „Leute gibts“, wundert er sich.
„Wieso“, frage ich, weil ich den Anfang nicht mitgekriegt habe.
„Der Untermieter WOHNT bei ihrer Familie“, setzt er mich über die Zusammenhänge in Kenntnis.
Es hat etwas enorm Aufreizendes, wie er so breitbeinig dasitzt, in dem eng gewordenen T-Shirt und der Hose, deren Gummizug sichtlich strapaziert wird durch Kris’ recht beachtlichen Umfang. Eigentlich sind hundertsechs Kilo ja nun wirklich nicht die Welt, aber seine ganze Erscheinung erinnert trotzdem an Luxus und Überfluss: träge, satt und dick und rund genudelt sieht er aus.
„Tortillachips“, frage ich und halte ihm die Tüte hin.
„Hmm“, macht er, „ich wusste gar nicht, dass wir noch welche haben.“
„Hab ich gestern eingekauft“, erläutere ich.
„Die riechen gut“, bemerkt er treffend und rückt näher.
Ich probiere welche. Hmm, die riechen nicht nur gut, die schmecken auch gut.
„Haben wir nicht vor ungefähr fünf Minuten noch diesen gigantischen Pommesberg vom Griechen vernichtet“, sinniert er, hebt skeptisch eine Braue steckt sich ein paar Chips in den Mund.
„Das ist mindestens eineinhalb Stunden her“, korrigiere ich.
„Scheiße, sind die lecker“, bemerkt er vollkommen richtig und schüttet sich gleich ein paar in die Hand. „Gibst du mir mal den Dip? Danke. Oh geil, das ist die Sorte, die wir schon mal hatten. Der totale Suchtfaktor.“
Ich nicke kauend.
„Eigentlich bin ich ja noch ganz schön satt“, wendet er halbherzig ein, als ich ihm Nachschub anbiete, „naja, kommt jetzt auch nicht mehr drauf an. Ich werd eh immer fetter.“
Er zieht ein Bein aufs Sofa, wobei sein T-Shirt rückwärtig einen Streifen üppigen Hüftspeck enthüllt.
„Nicht nur du“, erwidere ich.
„Stimmt“, grinst er, „du siehst richtig gesund aus.“
„Ich würde eher sagen: ich werd langsam dick“, widerspreche ich.
„Quatsch“, widerspricht er, „dick! Dick ist ja wohl was anderes. Son kleines Bäuchlein kann man doch noch nicht dick nennen.“ Er legt die Hand auf besagte Stelle, was ich durch den dünnen Stoff der Pyjamahose verdammt gut anfühlt.
„Was heißt denn hier: noch“, will ich wissen.
Er verpasst mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund.
„Da können ruhig noch ein paar Kilo drauf“, sagt er.
„Da SIND schon ein paar Kilo drauf“, erkläre ich bestimmt.
„Trotzdem: dick würd ich dich nicht nennen. Ein bisschen mollig vielleicht, das triffts schon eher. ICH bin dick.“ Er grinst breit und mir fällt auf, wie voll sein Gesicht geworden ist.
„Guck dir mal meine Wampe an“, fordert er mich auf, streckt die Wirbelsäule und streicht sich über die dralle Rundung.
„Jetzt übertreibst DU aber“, gehe ich auf das Spielchen ein, „wenn das hier“, ich zupfe an meinem Schlafanzug und lasse den Speck über den Gummizug wippen, „nur ein BÄUCHLEIN ist, dann ist das da“, ich kitzele ihn mit den Fingerspitzen unter dem Nabel, „garantiert nichts, was die Bezeichnung WAMPE verdient hat.“
„Sondern“, fragt er und guckt blasiert.
„Also, einen ziemlichen Bauch hast du schon gekriegt“, gestehe ich ihm zu, tätschele aufmunternd an ihm herum und grinse ihn an, „aber da können ruhig noch ein paar Kilo drauf.“


„Weißt du, wer auch hergezogen ist“, rufe ich ins Wohnzimmer und ziehe meine Schuhe aus.
„Moment“, grummelt Kris, „eben den Satz zuende schreiben.“
Ich höre vernehmliches Tastenklappern, dann wird der Computer runtergefahren.
„Hilfst du mir gleich, die Kisten hochzutragen“, bitte ich ihn.
„Klar, können wir von mir aus sofort machen. Was wolltest du denn eben sagen“, fragt er neugierig.
„Ich hab Sabrina im Getränkemarkt getroffen“, erkläre ich auf dem Weg zum Auto.
„Welche Sabrina“, hakt er nach.
„Sabrina, die mit den Strähnchen – die mit mir angefangen hat zu studieren.“
„Ach, die“, fällt es ihm ein.
„Die ist nämlich mit ihrem Freund – wie heißt der nochmal“, überlege ich.
„Jan“, weiß Kris.
„Genau, Jan. Also, mit dem ist sie auch hergezogen, letzte Woche erst. Lustiger Zufall“, führe ich aus.
„Naja“, gibt Kris zu bedenken, „lustiger wärs natürlich, wenn es nicht ausgerechnet SABRINA und JAN wären.“
„Wem sagense das, Sportsfreund. Aber der Zufall ist trotzdem lustig, oder nicht“, beharre ich auf meiner Pointe.
„Doch“, bestätigt er knapp, „lustig.“
„Aber das Schlimme kommt noch: die hat mich ein bisschen bequatscht, von wegen mal treffen und so – und... naja“, druckse ich herum und mache mir am Kofferraumschloss zu schaffen.
„Und was“, fragt Kris alarmiert und hievt eine Kiste Cola aus dem Wagen.
„Wir sind verabredet“, erkläre ich kleinlaut, „für Samstag.“
„Oh“, macht er mitfühlend, „das tut mir Leid.“
„Nein“, sage ich, „du verstehst nicht. WIR sind verabredet, nicht ICH. Sabrina und Jan und du und ich.“
„WAS“, entfährt es ihm entsetzt. Er hätte beinahe die Kiste fallengelassen.
Ich stemme mir die zweite gegen die Hüfte und seufze.
„Ich konnte mich echt nicht rausreden“, rechtfertige ich mich, „ich habs versucht. Ehrlich.“
Kris macht genervte Geräusche.
„Wir gehen essen“, setze ich hinzu.
„Super. Das ist natürlich besser als zusammen beim Iron Man zu starten oder in der Arktis nacktbaden zu gehen“, spaßt er missmutig vor sich hin, „wäre denen alles zuzutrauen.“
Stimmt. Sabrina und Jan sprechen gern über sogenannte Funsportarten, wie ich mich mit innigem Grausen erinnere.
„Jan arbeitet jetzt“, versuche ich uns beide zu beruhigen, „vielleicht sind sie inzwischen nicht mehr ganz so im Abenteuerwahn. Sabrina sah jedenfalls irgendwie, hm, konservativer aus als sonst.“
„Hm“, macht Kris unbestimmt, „das muss nichts heißen.“

Mittlerweile sind die Wochen ins Land gezogen und die Uni hat wieder begonnen, aber weil ich ganz gut in der Zeit bin, werde ich mich dieses Semester nicht gerade verausgaben.
Eigentlich hatte ich mich ja wieder ein bisschen in Form bringen wollen, ich sprach davon. Aus den guten Vorsätzen ist allerdings nicht viel geworden, hauptsächlich aus dem Grund, dass mir der darin enthaltene Sinn immer mehr entgleitet. Warum, habe ich mich wiederholt gefragt, warum sollte ich im nasskalten Aprilwetter herumrennen, mir tödliche Grippeviren einfangen und zur Strafe fettarmen Joghurt herunterwürgen, wenn ich doch genausogut zuhause bleiben, mich an meinen Freund kuscheln und Apfelstrudel mit Vanillesauce essen kann? Klar, wenn Kris der Typ wäre, der traurig aus der Wäsche guckenden, untergewichtigen, minderjährigen Modelmädchen hinterherpfeifen und hat-die-einen-geilen-Arsch hauchen würde, dann ließe mich das bestimmt nicht kalt. (Obwohl, sagt die Femininistin und Menschenrechtlerin in mir, obwohl es mich dann ERST RECHT kalt lassen SOLLTE!)
Aber zum Glück ist bei uns ja alles viel, viel unkomplizierter.

Und weil eben alles so umkompliziert ist, und das Leben sich so bemerkenswert gelassen angehen lässt, platze ich inzwischen regelrecht aus allen Nähten.
Ich habe in der letzten Zeit ja ohnehin nurmehr meine neue Jeans tragen können, und selbst die kniff und zwickte allmählich gehörig. Letzten Freitag hab ich sie im Stehen beim besten Willen nicht mehr zugekriegt, also legte ich mich auf dem Rücken quer über das Bett und quetschte meine Pfunde so lange gewaltsam zusammen, bis sich der Knopf endlich schließen ließ. Oh Mann, ich hatte so sehr zerren müssen, dass mir danach regelrecht die Hände zitterten. Super, und da lag ich nun: total aus der Puste und ohne Plan, wie zum Henker ich in diesem Ding AUFSTEHEN sollte. Außerdem stellte sich folgendes Problem: die Knopfhürde hatte ich erfolgreich genommen, aber der Reißverschluss stand so weit auseinander, dass ich mir selbst mit einer geballten Ladung wohlwollender Phantasie nicht vorstellen konnte, wie ich den hochziehen sollte. Er bewegte sich kein Stück, nicht mal ein winziges Zentimeterchen, nada, niente. Über den Bund quoll schmerzhaft mein halber Bauch, der Rest lugte durch den offenen, ich sag mal: Hosenstall. Auf gar keinen Fall, schwor ich mir, auf gar keinen Fall werde ich mit OFFENEM HOSENSTALL irgendwo hingehen, AUF GAR KEINEN FALL. Wie sich das schon anhört, das ist ja wohl Allerletzte!
Um weitere Maßnahmen zu überdenken, beschloss ich, mich aufrecht hinzusetzen. Ich ächzte und keuchte ein bisschen unelegant vor mich hin, und dann saß ich endlich, puh. Unterwegs hatte ich schon bedrohlich die Nähte krachen gehört, aber es war nichts passiert, Jeansstoff ist ja ziemlich robust. Doch dann, dann geschah es: mit einem bescheuerten Ploppen verabschiedete sich der Knopf. Feist und bequem sackten mir drei dicke Speckrollen buchstäblich auf den Schoß und drückten die beiden Reißverschlusshälften mühelos nieder.
So ging das alles nicht.
„KRIS“, schrie ich leicht hysterisch.
„Was ist“, schallte es aus dem Wohnzimmer.
„Wir gehen shoppen“, entschied ich, „SOFORT!“

Das hatten wir beide auch verdammt nötig. Weil Kris meistens vor dem Rechner hockte, und ihn kaum jemand außer mir zu Gesicht bekam, hatte er sich vorerst mit seinen ausgeleierten Freizeitensembles zufriedengegeben, aber das konnte auf Dauer ja nicht so bleiben.
Meine Jeans hielt ich vorübergehend (das heißt: für die Dauer des Einkaufs) mit zwei (!) Sicherheitsnadeln (!) notdürftig zusammen und kaschierte die ganze Misere mit einem sackartigen Sweatshirt.

Seit wir zusammenwohnen habe ich sage und schreibe vierzehn Kilo zugelegt, und Kris sogar fünfzehn. Klar, dass wir da viel zu fett für unsere alten Klamotten sind.
Immerhin war das aber ein astreiner Grund für eine ausgiebige Einkaufsorgie, bei der man sich kein einziges Mal die Frage brauch-dieses-Fähnchen-hier-ich-auch-WIRKLICH stellen musste. Es war der Inbegriff des Offensichtlichen, dass wir ALLES MÖGLICHE brauchten.
Vorher hatte ich mich ein bisschen gefürchtet, dass so eine Shoppingtour eine Krise auslösen könnte: man würde sich nach größeren Größen umsehen müssen und man würde anders in den unbarmherzigen Umkleidekabinenspiegeln ausschauen als gewohnt.

Zu meiner Erleichterung stellte sich diese Angst als vollkommen unbegründet heraus. Ich fand auf Anhieb ein paar nette T-Shirts, zwei Hosen und einen Rock, alles passte perfekt und, worüber ich besonders froh war: ich gefiel mir darin. Wenn ich ganz ehrlich bin, gefiel ich mir sogar fast besser als vorher. Aus dem Spiegel schaute mich eine üppige junge Frau an, mit wunderbar molligen Armen, einem runden Gesicht, einer einladenden Oberweite und vielversprechendem Dekolleté, mit weichen Hüften, einem fülligen Hinterteil, kräftigen Schenkeln und einem gut gepolsterten, sinnlichen, weiblichen Bauch.
Es fiel mir überhaupt nicht schwer, figurbetonte Sachen zu wählen, die nicht einengten, aber meine verschwenderischen Kurven angenehm betonten.
Dank meiner guten Stimmung suchte ich sogar eine ziemlich tiefgeschnittene Jeans und ein dazu passendes T-Shirt aus, dass zwar nicht gerade bauchfrei war, aber nur bis ungefähr in die Taille reichte. Als ich beides anprobierte und Kris vorführte, simulierte er filmreif eine Herzinfarktszene und riet mir eindringlich vom Kauf ab, da ich damit nur die Männerwelt in den Wahnsinn treiben würde. Und ich fühlte mich tatsächlich sexy: der wohlgerundete Streifen nackten, rosigen Specks, der zwischen Hose und T-Shirt zu sehen war, hatte etwas sehr Dekadentes an sich.
Es ist schon eigenartig: mit fünfundsechzig Kilo hätte ich im Leben kein so freizügiges T-Shirt getragen (es hätte ja eine übel gesinnte Kollegin denken können: wenn ich so dick wär wie die, würde ich das aber nicht anziehen), mit dreiundachtzig finde ich es auf einmal völlig in Ordnung.
Vorsichtshalber kaufte ich alles eine Nummer größer, damit ich demnächst nicht so drauf achtgeben muss, bloß nicht noch ein bisschen was anzusetzen.

Kris hat auch ein paar schöne Teile erstanden: zwei Cordhosen, eine Jeans, ein paar T-Shirts.
Ich konnte mich gar nicht an ihm sattsehen und musste zwanghaft immer wieder hinter den Vorhang der Kabine spähen, um ihm beim Umziehen zuzugucken. Besonders wenn er die T-Shirts wechselte!
Sein Bauch hängt schon ganz schön schwer über der Hose, kein Wunder bei der wenigen Bewegung und dem reichlichen und vor allem reichhaltigen Essen. Bei jedem Schritt gerät das überschüssige Fett in Wallung, wovon mir beim bloßen Hinsehen schon ganz kribbelig wird. Um die Brust herum ist er auch richtig dick geworden und seine Oberarme sind sensationell weich und nachgiebig. Über seinem Hintern spannen sogar die Joggingsachen, da durfte ich gar nicht dran denken, sonst wäre ich gar nicht mehr runtergekommen, und wir befanden uns schließlich an einem öffentlichen Ort.
Hundertzwölf Kilo hat er jetzt drauf, und die stehen ihm hervorragend. Der schiebt aber auch einen Bauch vor sich her, dachte ich, wenn er noch ein bisschen so weitermacht, dann wird das echt bald eine richtige Wampe. Der hat sich echt schon ganz schön fett gefressen, echt, sann ich vor mich hin. Ich hätte ihn bespringen können, und zwar an Ort und Stelle.
Vorher mussten wir uns allerdings noch bequeme Unterwäsche besorgen und was essen gehen – Einkaufen macht hungrig.


„Klar, die Hauptsache ist, dass man sich versteht. Dass man über alles reden kann und so“, doziert Sabrina und pickt ein Paprikastück aus ihrem Salat.
Wir anderen nicken kollektiv. Wir anderen, das sind wie erwartet: Jan, Kris und ich.
„Sonst hat so eine Beziehung ja gar keinen Sinn“, beendet sie ihren Vortrag über innere Werte, der ungefähr zehn Minuten gedauert hat.
Wir sitzen beim Inder, was prinzipiell eine gute Sache wäre, aber Jan und Sabrina sind eben doch ein bisschen anstrengend.
„Naja“, wage ich einen Einwand, „aber einigermaßen gefallen muss man sich gegenseitig doch schon.“
Sabrina hält inne und sieht mich an, als hätte ich versehentlich ein ekliges Tier mitgegessen und sie ist diejenige, die es mir beibringen muss.
„Ja“, erwidert sie unsicher und sichtlich aus dem Konzept geraten, „klar. Neenee, natürlich.“
Sie räuspert sich verlegen und kaut weiter auf der Paprika.
„Doch, das gehört auf jeden Fall dazu“, nimmt Jan den Faden auf, „das bringt ja nichts, wenn man jemanden total nett findet, und das wars. Dann ist das eben eher eine freundschaftliche Basis.“
Sabrina lächelt verkrampft. Ich ärgere mich darüber, dass ich genau weiß, was sie denkt. Sie denkt nämlich: jetzt mal lieber nicht ins Fettnäpfchen treten, die arme Maja hat da ja diese ernsten Figurprobleme, und Kris erst, da halt ich mich besser ein bisschen zurück und bleibe auf der sicheren Seite. Bei den inneren Werten.
„Nee, richtig“, stimmt Kris zu und kippt sich einen großzügigen Schwung seiner extrem sahnigen, exotischen Sauce über das ebenfalls sehr exotische, sich jeglicher konkreter Beschreibung entziehende Gericht. („Reichhaltig“ sei es, hatte warnend in der Karte gestanden.) „Man muss den anderen schon attraktiv finden. Andererseits kann man sich den Partner oder die Partnerin natürlich nicht BACKEN“, fährt er fort.
Sabrina macht ein unglückliches Gesicht. Wahrscheinlich hat sie schon im Vorfeld – das heißt, bevor Kris überhaupt weiterreden kann – Mitleid mit mir, denn eigentlich ist sie ein netter Mensch, der bloß auf einer anderen Wellenlänge vor sich hin dümpelt als ich. Auf einer GANZ anderen, denn sie mag nicht nur Funsportarten, sondern hat auch diesen missionarischen Figurfimmel: sogar als ich, meiner eigenen Wahrnehmung nach, im weitesten Sinne SCHLANK war, hat sie oft und gern mit mir über erfolgversprechende Diätprogramme und „die Gesundheit“ gesprochen. Die Gesundheit! Dabei raucht sie und ich nicht.
Sie hält es stattdessen für den Inbegriff des Gesunden, in seinem ganzen Leben noch nie mehr als sechsundfünfzig Kilo auf die Waage gebracht zu haben. Oh Gott, ich bin fast dreißig Kilo schwerer als sie.
„Ich meine: das ist mir natürlich sofort aufgefallen, dass Maja“, er grinst mich unbefangen an, „ein superhübsches Gesicht hat und so.“ Sabrina starrt auf ihren Teller. „Und tolle Haare, ein tolles Lächeln – wie das eben so ist.“ Jan und Sabrina bleibt nichts anderes übrig, als verhalten zu nicken. „Aber dass sie mal, also – dass sie, dass – naja, dass ihre Figur“, stammelt er, und ich muss mir auf die Unterlippe beißen um den aufkeimenden Lachkrampf niederzuringen. Kris macht eine geschickt inszenierte Pause, die Sabrina vermutlich dazu nutzt, sich wohlwollende und sinnvolle Vorschläge auszudenken, wie wir beide „gemeinsam etwas tun können“.
„Ich will bloß sagen: das konnte ich ja vorher nicht wissen“, es folgt noch eine effektheischerische Pause, „dass sie mal diesen – diesen absoluten Traumkörper haben würde. Versteht mich nicht falsch“, fügt er direkt hinzu, „natürlich fand ich sie immer schon atemberaubend, und das weiß sie auch“, wieder ein Blick zu mir, „aber jetzt“, schließt er vielsagend und pfeift anerkennend durch die Zähne.
„Das waren aber viele Komplimente auf einmal“, freue ich mich und schiebe mir eine Gabel voll – tja, keine Ahnung voll WAS genau, aber gut schmeckt es – in den Mund.
„Ja – dann“, sagt Jan und schielt hilflos seine Freundin an.
Sabrina fährt sich durch die teuer gesträhnte Frisur und beruhigt sich erstmal mit einem Schluck Wasser.
„Ja, das ist natürlich – schön“, bemerkt sie dämlich.
„Aber du persönlich fühlst dich wohl so“, gehe ich mit zuckersüßem Honigkuchenpferdgrinsen zum Frontalangriff über, „also: so, wie du bist?“
„Wie meinst du das“, fragt sie heiser und muss sich räuspern.
„Najaaa“, mache ich vielsagend, „fühlst du dich denn wohl in, in“, von Kris’ Auftritt habe ich gelernt, wie man wirkungsvolle Unterbrechungen setzt, „in deinem Körper?“
Kris wirft mir lustig übertriebene sowas-fragt-man-doch-nicht-Blicke rüber.
„Also, wenn ich dir irgendwie – ich wollte dir nicht zu nahe treten, okay“, entschuldige ich mich stark beschämt, „echt, auf keinen Fall.“
„Neinnein“, sagt sie hastig.
„Aber wenigstens Jan sieht doch schon richtig, hm, gesund aus, echt toll“, ich nicke ihm aufmunternd zu, „das macht schon was aus, wenn die Knochen und Muskeln und das ganze Zeug nicht mehr so furchtbar rausstehen.“ Jan zieht bestürzt den Bauch ein, der natürlich keiner ist, nicht mal ansatzweise: er wirkt bloß nicht mehr so auffallend durchtrainiert wie sonst. Ich strahle verbindlich in die Runde. „Da wärs doch vielleicht eine Idee, wenn ihr da gemeinsam mal was für euch tun könntet? Jan hat ja wohl schon angefangen. Ihr würdet euch besser fühlen, davon bin ich überzeugt.“
Ich weiß nicht, wie ich diesen Monolog hinter mich gebracht habe, ohne mir vor Spaß in die Hose zu pinkeln. Ich habe keine Ahnung.

„Das lief ja alles genau nach Plan“, lache ich immer noch, als wir zuhause ankommen. Die ganze Fahrt über haben wir schon nicht damit aufhören können.
„Manche Leute sind echt berechenbar“, gluckst Kris kopfschüttelnd.
„Ich hoffe“, japse ich und kriege mich langsam wieder ein, „das hat gewirkt. Denen ist garantiert gar nicht klar gewesen, was sie sich sonst immer alles so rausnehmen – weil sie es doch bloß GUT meinen.“
„Ich hab genau gesehen, wie Jan dich zwischendurch angeguckt hat“, sagt Kris und legt den Arm um meinen Taille, „ist dir das nicht aufgefallen? Das kann mir doch keiner erzählen, dass er drauf steht, dass Sabrina so superdünn ist.“
„Keine Ahnung“, erwidere ich wahrheitsgemäß.
„Und Sabrina ist neidisch“, spricht er weiter.
„Neidisch“, frage ich, „auf wen?“
„Auf dich“, erklärt er, „weil du dich nicht schämst. Und weil du dir im Restaurant einfach was mit total vielen Kalorien bestellst, und sie sich kaum traut, Dressing auf ihren Salat zu tun.“
„Könnte sein“, entgegne ich.
Seine Hände wandern langsam von hinten um mich herum und ich spüre, wie sein dicker Bauch gegen meinen Rücken drückt.
„Irgendwie fehlt mir was Süßes nach dem Essen“, bemerkt er.
Tatsächlich hatten wir den Abend aufgrund Jans und Sabrinas Genügsamkeit nicht unnötig in die Länge ziehen wollen und lieber auf ein Dessert verzichtet.
„Wir haben noch die Schokotorte von gestern im Kühlschrank“, fällt mir ein und ich kriege sofort Appetit.

Zehn Minuten später sitzen wir am Küchentisch und stopfen uns hemmungslos mit Kuchen voll.
„Wir könnten eigentlich auch Kakao dazu trinken, oder“, schlägt Kris vor.
„Ich bin zu faul, aufzustehen“, erkläre ich und lehne mich satt und träge zurück. Ich schiebe mein T-Shirt ein kleines Stück hoch und tätschele gemächlich meinen Speck.
„Ich mach schon“, sagt er und stellt zwei Tassen Milch in die Mikrowelle.
„Mein Bauch wackelt“, konstatiere ich zusammenhangslos, und rechne damit, dass ich inzwischen wahrscheinlich nicht mehr dreiundachtzig, sondern eher fünfundachtzig Kilo haben dürfte. Irgendwie haben wir es uns in den letzten Tagen besonders gut gehen lassen, hab ich das Gefühl.
Kris dreht sich um.
„Sexy“, sagt er und hebt eine Braue.
„Stimmte das eigentlich, was du eben gesagt hast“, frage ich, „ich meine: fandest du mich früher eher zu dünn?“
Er lehnt sich lässig gegen den Schrank und schiebt die Hände in die Hosentaschen.
„Ich fand dich immer schon toll“, grinst er diplomatisch.
„Das will ich hoffen“, grinse ich zurück, „und weiter?“
„Najaaaa“, zögert er einen Moment, „ich fand schon, dass dir ein bisschen mehr Gewicht nicht gerade schaden würde...“
„Hm“, mache ich, lege beide Hände auf die üppige Speckrolle über meiner (gottseidank bequemen) Hose und betrachte die ganze Angelegenheit eine Weile, „man hat das so drin, dass Dicksein einfach scheiße ist.“
Die Mikrowelle piepst. Kris rührt Kakaopulver in die Milch und stellt eine Flasche Sprühsahne auf den Tisch.
„Ich weiß“, sagt er und setzt sich, „obwohl du ja immer so getan hast, als würdest da drüber stehn.“
Ich fühle mich ertappt.
„Naja“, lenke ich ein, „inzwischen steh ich ja wohl WIRKLICH drüber.“ Bekräftigend klatsche ich mir auf den Bauch und fühle mich sehr dekadent. Und weil mir das gefällt, häufe ich mir noch ein Stück Torte auf den Teller.
Beim Essen fällt mir auf, dass ich gerade rundum zufrieden bin: mit meinem Bauch, und meinem schwerer gewordenen Busen, und dem drallen Hüftspeck, der sich ein ganzes Stück weit über die Hose schiebt, und den breiten Oberschenkeln und ganz besonders mit meinem immer molliger werdenden Freund.
Kris löffelt unterdessen die Sahne aus seinem Kakao.
„Willst du keinen Kuchen mehr“, frage ich mit vollem Mund.
„Doch“, grinst er. Er hat beim Inder mehr gegessen als ich, aber bei Schokotorte kann er nicht widerstehen, dafür kenne ich ihn gut genug.
Halbherzig unterdrückt er ein Gähnen, rückt sich auf seinem Stuhl zurecht und macht sich am Kuchen zu schaffen.
„Hm“, seufzt er wohlig, „wie halten das bloß die Leute aus, die ständig auf Diät sind...“
„Keine Ahnung“, gebe ich zu.
Kris lockert seinen Hosenbund ein bisschen und atmet aus. „Puh“, macht er, „und jetzt gleich so richtig fett gepäppelt schlafen gehen, das nenn ich Luxus.“
Ich recke mich und stehe auf.
„Das ist genau das Richtige“, grinse ich und gebe ihm einen Klaps auf den Bauch, „damit mir das hier nicht weniger wird.“
„Ich glaub, da besteht keine akute Gefahr“, grinst er zurück.


Ich kann kaum glauben, dass der Sommer schon wieder fast herum ist!
Aber es ist tatsächlich Anfang September, Kris ist mit seiner Arbeit fertig, Webdesignen tut er weiterhin, und die Sonne scheint als hätte sie nie was anderes getan.
„Das wird noch mal heiß heute“, hatte Kris vor zwei Stunden prophezeiht und vorgeschlagen, schwimmen zu gehen. Zu den 1a Vorzügen unserer Wohnung gehört unbedingt die Lage: wir brauchen ungefähr fünf Minuten zu Fuß, dann hören wir schon das seichte Plätschern des Badesees. Und genau das haben wir natürlich in den vergangenen Wochen restlos ausgenutzt.
Der Juni und der Juli waren noch verhältnismäßig kalt, aber im August setzte eine regelrechte Hitzewelle ein. Da hält man es natürlich am besten in Wassernähe aus, keine Frage.

Zuerst war es ja ein bisschen komisch, das muss ich schon eingestehen.
Es ist eine Sache, dekorativ bekleidet durch die Fußgängerzone zu flanieren, und eine andere, seine üppigen Formen im Strandensemble spazierenzutragen.
Zwar habe ich nicht mehr soviel zugenommen wie Anfang des Jahres, aber ein paar Kilo sind trotzdem noch draufgekommen. Sieben, um genau zu sein, wenn ich jetzt mal von den fünfundachtzig ausgehe, die ich im April hatte.
Ich bin richtig dick geworden, nicht mehr nur mollig oder füllig oder wie immer man das wohlwollend bezeichnen möchte. Das merke ich natürlich auch an der Kleidung: die neuen Sachen fülle ich inzwischen ganz gut aus, ich bin froh, dass ich die nicht so knapp gekauft habe.

„Du sitzt ja ganz schön proper in der Hose“, hat Kris heute morgen bemerkt, als ich gerade Sonnencreme, Antimückenspray und andere Unentbehrlichkeiten in der geräumigen Sporttasche verstaute, die wir gewohnheitsmäßig zum See mitnehmen.
Ich richtete mich auf und sah am mir herab. Am Hintern und um die Schenkel herum spannte die Jeans wirklich schon ziemlich, besonders wenn ich mich bückte, klar. Und über den tiefgeschnittenen Bund quollen großzügig Bauch und Hüften. Das hellblaue Trägershirt war gerade kurz genug, um Kris einen ungehinderten Ausblick auf sämtliche darunter gelegenen Regionen zu bieten.
„Zuviel Eis und Pommes“, befand ich, und klatschte mir auf den Hintern.
„Und Milchshakes“, ergänzte Kris grinsend. Im Strandcafé gibt es die besten Milchshakes der Welt, Blödsinn: des kompletten Sonnensystems!
„Und Milchshakes“, musste ich entsprechend zustimmen.
Und da es ohnehin warm werden würde, beschloss ich, statt Jeans und Top mein Lieblingskleid überzuwerfen. Eigentlich hatte ich auch mal was anderes tragen wollen, andererseits: der Sommer ist so gut wie vorbei, und dann landet es sowieso ganz hinten im Kleiderschrank.

Das Kleid endet knapp über dem Knie und besteht aus zwei Lagen cremefarbenen Stoffes, einer seidigen und einer durchsichtigen. Es ist ein wirklich schönes Kleid, das meine Kurven auf eine Art und Weise betont, die ich an anderen unwiderstehlich finden würde, und das außerdem phantastisch geeignet ist, meinen, Achtung: Bikini drunterzutragen.
Jawohl, ich trage einen Bikini. Die Badeanzüge in meiner Größe hätten allesamt meiner Omma gefallen, was nicht unbedingt für sie spricht. (Für die Badeanzüge, nicht für die Omma – die ist, von modischen Fragen mal abgesehen, schon okay.) Die zur Auswahl stehenden Bikinis hingegen fand ich ziemlich sexy, insbesondere den, für den ich mich schließlich entschieden habe.

Also liege ich nun in der angenehmen Brise unter einem Baum mit sanft schaukelndem Blätterdach auf unserer Decke und finde alles sehr idyllisch. Die Speckrollen in der Taille, die runden Schultern und mein ausladendes Dekolleté gehören ebenso zu mir wie der wohlgenährte Bauch und die weichen Hüften. Zuerst war ich noch verunsichert, weil die Leute natürlich gucken, und ich nicht einschätzen konnte, ob es sich dabei um abfällige oder anerkennende Blicke handelt. Letzteres wagte ich gar nicht in Betracht zu ziehen – das ganze schöne Selbstbewusstsein war auf einmal wie weggepustet.
Meine innere Stimme riet mir glücklicherweise im richtigen Moment, mich mal ein bisschen locker zu machen und lieber mit der Realität zu befassen als damit, was ich dafür hielt.
Und die Realität sieht so aus, dass ich mir regelmäßig die Sympathien anderer gewichtiger Damen einhandele (eine hat sich nach einem netten Gespräch sogar selbst einen Zweiteiler angeschafft), die Antipathien einiger Zicken (das bleibt wohl nicht aus, Idioten gibt es überall) und die Bewunderung einer ganzen Reihe von Herren, die mir eisgekühlte Getränke ausgeben wollen, solange sie noch nicht bemerkt haben, dass ich nicht allein hier bin.

Während ich auf Kris warte, der heute dran ist, unseren Müll wegzubringen, werde ich auf ein Paar aufmerksam, dass gerade vor meiner Nase am Ufer entlang spaziert. Das sind doch...
„Hi, Maja“, winkt Jan fröhlich. Sabrina sieht mich erst einen Augenblick später, dann winkt sie auch.
„Hi“, grüße ich etwas matt, weil mir klar wird, dass die beiden direkt auf mich zusteuern.
„Ist Kris nicht da“, fragt Jan redselig.
„Doch“, informiere ich ihn, „der räumt grad auf.“
Jan nickt eifrig. Mir fällt auf, dass er den winzigen Bauchansatz offenbar nicht wieder losgeworden ist. Hähä.
„Tja, wir wollten auch so langsam nach Hause“, strahlt Sabrina angestrengt. Mir entgeht nicht, dass sie dabei vielsagend Jans Hand drückt.
Mir kommt der Gedanke, dass sie mir in der letzten Zeit irgendwie aus dem Weg gegangen ist. Immerhin habe ich sie eine ganze Weile nicht gesehen, und wenn wir uns zufällig trafen, hatte sie es eilig.
Ungeduldig tritt sie von einem Bein aufs andere. Um die schmalen Hüften hat sie ein Ziertüchlein gewunden, vermutlich um imaginären Cellulitebefall oder Phantasiereiterhosen zu verbergen.
Jan wirft ihr einen fragenden Blick zu.
„Ja“, sagt er nach einer Verlegenheitspause, „so langsam wollten wir uns mal auf den Weg machen.“
Und dann sehe ich es. Ganz deutlich, weil nämlich weder Minderwertigkeitskomplexe (darüber bin ich hinweg) noch Wunschdenken (es ist JAN) meine Synapsen und Neuronen verkleben – ich gefalle ihm. Kris hatte recht, ich gefalle ihm tatsächlich. Man kann es daran erkennen, wie er verstohlen zu mir hin sieht und dann gleich wieder weg, aus dem Augenwinkel und mit diesem Gesichtsausdruck, der einfach ALLES sagt.
HA, ich glaubs ja nicht!
„Bis dann mal, man sieht sich“, verabschiedet sich Sabrina und zieht ihn weg.
„Ja“, fällt mir da nur ein.
Wo bleibt denn da die Frauensolidarität? Als ob ich ihr den Freund ausspannen wollte!
„Tschüss“, ruft Jan mir über die Schulter hinweg zu.

Zwei Minuten später taucht Kris mit zwei Flaschen Malzbier auf.
„Rat mal, wer mir grad entgegengekommen ist“, macht er es spannend und küsst mich auf den Mund.
„Jan und Sabrina“, schlage ich vor.
„Woher weißt du das“, fragt er ehrlich erstaunt.
Ich zucke beiläufig die Achseln.
„Weibliche Intuition“, erkläre ich.


In der Woche darauf regnet es ununterbrochen.
„Das wars dann wohl für dieses Jahr mit dem Sommer“, resümiert Kris, zerknüllt die Mac-Donalds-Tüte und zielt auf den leeren Pizzakarton auf dem Tisch.
„Mann, was für ein Gelage“, seufzt er und lehnt sich breitbeinig auf dem Sofa zurück.
Ich habe mich halb neben ihm ausgestreckt und nicke schläfrig.
„Echt“, stimme ich zu und unterdrücke ein Gähnen.
„Vielleicht sollte ich mich mal langsam ein bisschen zusammenreißen“, überlegt er mäßig motiviert und atmet hörbar aus.
An dieser Stelle muss ich anbringen, dass Kris eindeutig mehr zugelegt hat als ich.
Er ist so fett geworden, dass er zuhause mit offener Hose und mittlerweile arg kurz geratenen T-Shirts rumläuft, weil er nirgends mehr reinpasst.
„Och“, mache ich.
„Guck dir das doch mal an“, sagt er und streckt den Bauch raus. Das T-Shirt rutscht dabei ein ganzes Stück nach oben, fast bis zum Nabel. „Bin ich fett geworden“, stellt er fest und streicht sich gelassen über die Wampe.
Mir wird ganz warm.
„Vielleicht sollten wir“, beginne ich und muss mich räuspern, „uns hinlegen?“
„Gute Idee“, findet er, räkelt sich genüsslich und stemmt seine hundertvierundzwanzig Kilo faul aus den Kissen. Ich sehe, wie sich seine üppig gepolsterten Hüften über die Jeans schieben, die er garantiert so leicht nicht mehr zukriegt. Sein Bauch wogt träge bei jeder Bewegung und jetzt fängt er auch noch an, den feisten Speck gemächlich zu tätscheln, bis ich ebenfalls aufgestanden bin.
Reflexartig lege ich meine Arme von hinten um seinen Körper und zeichne mit zwei Fingern die Vertiefung seines breiten Nabels nach. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingreifen soll. Überall hat das ausschweifende Leben deutliche Spuren hinterlassen.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer kann ich die Finger nicht von ihm lassen, bis ich es endlich geschafft habe, ihm das T-Shirt auszuziehen.
Seufzend lassen wir uns aufs Bett sinken. Die Matratze gibt auf seiner eindeutig Seite mehr nach als auf meiner.
Er sieht einfach überwältigend aus mit seinem runden Gesicht und den weichen Armen, seiner üppig gewordenen Brust und den dicken Speckrollen darunter. Ich ziehe ihn ganz auf das Laken, die Federn ächzen vernehmlich unter unserem Gewicht.
Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich ihn auf mir spüren möchte. Er ist so schwer, dass mir fast die Luft wegbleibt, und seine verschwenderischen Extrakilos geraten bei jeder Berührung verführerisch in Wallung.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals aufregenderen Sex gehabt zu haben als mit Kris.

Dicht aneinandergedrängt kommen wir schließlich erschöpft wieder zu Atem. So ist es jedes Mal mit ihm, und ich glaube, es wird immer nur besser. So jemanden zu finden ist schon ein ziemliches Glück.

Hey, manchmal ist es gar nicht so schlecht, ich zu sein.


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