Der Neue
"Ist irgendwas besonderes?" fragte Sabrina misstrauisch, als ihre
Mutter mit dem Tablett von der Theke an den Tisch kam. Sie hatte für jeden
einen Hamburger, Pommes und eine Cola mitgebracht; für Sabrina ein seltener
Genuss, da ihre Mutter ansonsten gar nichts von McDonalds hielt und ihrer Tochter
stets einschärfte, wie ungesund und dickmachend Fastfood sei. Renate Schirmer
achtete sehr auf ihr Gewicht; sie neigte zum Zunehmen und war früher recht
mollig gewesen, und seit ihre Tochter in die Pubertät gekommen war, stellte
sie fest, dass sie diese Neigung offensichtlich vererbt hatte. Sabrina wog trotz
ihrer ständigen Ermahnungen deutlich zu viel und saß knapp in einem
Paar zu enger Jeans, während sich der dünne Stoff ihres T-Shirts über
einen prallen Bauch spannte.
Renate biss in ihren Burger und genoss die Mischung aus würzigem Fleisch,
saurer Gurke und Ketchup auf der Zunge. Lecker ... ebenso wie die knusprigen
Pommes Frites. Es war lange her, dass sie sich diesen Genuss gegönnt hatte.
Sabrina hatte ihren Burger schon halb verdrückt und kaute mit vollen Backen.
Sie wartete noch immer auf eine Antwort.
"Na ja", sagte Renate, "ich habe für heute Abend jemanden
eingeladen."
"Einen Mann?" fragte Sabrina sofort, und ihr Ton machte es Renate
nicht leichter.
"Ja. Er heißt Klaus und ich kenne ihn schon eine Weile. Ich möchte,
dass wir bald zu ihm ziehen." Sabrina sah nun von den Resten ihrer Mahlzeit
auf.
"Und ich soll dann wohl Papa zu ihm sagen oder was?" Renate seufzte.
Sabrina hing sehr an ihrem ersten Mann und hatte ihrer Mutter die Scheidung
nicht verziehen; sie hatte gewusst, dass es ein Problem geben würde, wenn
nun ein neuer Mann in ihr Leben trat.
"Du wirst Klaus mögen, da bin ich mir sicher. Natürlich ist er
kein Ersatz für Papa, das will er auch gar nicht."
"Das ist auch besser so, denn ich werde ihn ganz bestimmt nicht mögen!
Warum kannst du dich nicht mit Papa versöhnen! Wir hätten doch mitgehen
können in die USA, als er versetzt wurde!"
"Sabrina, das habe ich dir doch schon x-mal erklärt."
"Ich will nicht zu einem neuen Mann! Und wenn du meinst, das ich nett zu
ihm sein werde, kannst du das vergessen!"
"Sabrina ... lerne ihn doch erst einmal kennen."
"Bekomme ich noch einen Hamburger?"
"Du hast doch schon eine große Portion gehabt." Sabrina sah
trotzig auf den Tisch, die Unterlippe vorgeschoben. "Na schön, hol
dir noch was." Renate drückte ihrer Tochter das Portemonnaie in die
Hand, und diese kehrte wenig später mit einem neuen kompletten Menü
zurück. "Aber Sabrina, das ist doch viel zu viel", kommentierte
Renate jetzt. "Du wirst Bauchweh bekommen."
"Quatsch", sagte Sabrina, die wütend abbiss.
"Und zu dick wirst du auch."
"Du schämst dich wohl für deine fette Tochter vor diesem neuen
Typen!" fauchte Sabrina. Renate schüttelte den Kopf, während
sie Sabrina dabei zusah, wie diese schnell und zügig den Burger verzehrte
und die Pommes hinterher stopfte. Siebzig Kilo wog Sabrina schon, und Renate
konnte sehen, wie die üppige Mahlzeit ihren kleinen Speckbauch weiter gegen
die enge Hose quellen ließ. Wenn sie nicht aufpasste, würde ihre
Tochter aufgehen wie ein Hefekloß. Seit der Scheidung hatte Sabrina einen
enormen Appetit entwickelt, dem Renate zu Hause mit viel gesunder Gemüsekost
zu begegnen versuchte, wenn auch, wie sie gerade wieder sah, mit nur geringem
Erfolg.
"Unsinn, Sabrina, darum geht es doch gar nicht." Sie wusste nicht,
was sie weiter sagen sollte Sabrinas Abwehrhaltung war deutlich. Sie
konnte nur abwarten Klaus war ein humorvoller und geduldiger Mensch,
und vielleicht würde es ihm gelingen, das Vertrauen ihres schwierigen Teenagers
zu erwerben.
Zu Hause hatte sich Sabrina schmollend in ihr Zimmer zurückgezogen. So
schnell hatte ihre Mutter also ihren Vater vergessen. Die Scheidung lag zwei
Jahre zurück; über die genauen Gründe wusste Sabrina nicht Bescheid,
aber zur endgültigen Trennung war es gekommen, als ihr Vater, den sie schon
als kleines Mädchen vergöttert hatte, von seiner Firma in die USA
versetzt wurde und ihre Mutter sich geweigert hatte, mitzukommen. Und jetzt
stand schon ein Neuer auf der Matte. Na toll. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter
ihren Vater nie geliebt. Und der Neue würde jetzt auch noch an ihr rumerziehen
und an ihr herummeckern. Ihrer Mutter konnte sie es ja nie recht machen
ihre Noten in der Schule waren ihr zu schlecht, ihr Ton zu aufsässig, und
natürlich war sie auch noch zu dick, eine Todsünde in den Augen ihrer
Mutter. Selbstbeherrschung war für sie ja alles, schließlich hatte
sie es auch geschafft, sich von Größe 44 wieder in 38 hineinzuhungern.
Als ob es darauf ankäme, dachte Sabrina.
Dabei fühlte sie sich schon zu dick, wenn sie sich selbst gegenüber
ehrlich war. Die Kommentare ihrer Klassenkameraden in letzter Zeit verletzten
sie, und als Thomas, der bestaussehendste Junge in ihrer Klasse, laut beim Sportunterricht
zu seinem Freund Gerrit gesagt hatte, "wenn die so weiter frisst, platzt
der bald die Hose", war sie fast vor Scham gestorben. Sie hatte eben dauernd
Hunger. So auch jetzt zwar verdaute ihr Magen noch an der reichlichen
Portion Burger und Pommes, aber trotzdem spürte sie Lust auf etwas Süßes.
Außerdem wusste sie, dass in ihrer Schultasche noch eine 200-Gramm-Tafel
Schokolade steckte, und allein dieses Wissen machte sie hungrig. Eine Weile
kämpfte sie gegen die Versuchung, und dann holte sie sich die Tasche ans
Bett, fasste hinein und fühlte die kühle Schokoladentafel. Sie ließ
sie in der Tasche und öffnete vorsichtig das Papier, brach ein großes
Stück ab und steckte es sich in den Mund. Göttlich. Stück um
Stück verzehrte sie und spürte dabei, wie sich ihr Bauch immer mehr
gegen die enge Hose wehrte. Nebenbei zappte sie sich durch das abendliche Fernsehprogramm
Talkshows, Reportagen, langweiliges Zeug. Die Tafel war bald verschwunden;
Sabrina hatte fast nicht gemerkt, wie schnell sie sie aufgegessen hatte.
Die Türklingel riss sie aus ihren Träumen. Das war wohl der Neue.
Sie setzte ihr finsterstes Gesicht auf und versuchte, das enge T-Shirt über
dem Bauch glatt zu ziehen, aber ihre Pölsterchen zeichneten sich deutlich
ab, zumal die enge Hose sie zusätzlich weit vorquellen ließ. Auch
egal, dachte sie, vielleicht haut er auch gleich wieder ab, wenn er sieht, dass
seine große Liebe so eine fette Tochter hat.
"Kommst du, Sabrina?" rief ihre Mutter aus dem Flur. Missmutig kam
Sabrina der Aufforderung nach. Der Neue zog gerade seine Jacke aus, und das
erste, was ihr auffiel, war, dass er einen ganz schönen Bauch besaß
nicht übermäßig fett, aber doch sichtbar rund. Er war
groß, rotblond und hatte ein freundliches, offenes Gesicht; gegen ihren
Willen stellte Sabrina fest, dass er ihr gar nicht so unsympathisch war. Dennoch
lächelte sie nicht, als sie ihm mit einem gezwungenen "Tag" die
Hand hinstreckte. Er sollte nicht glauben, dass sie scharf auf einen Vaterersatz
war.
"Ich bin Klaus, hallo", sagte er.
"Muss ich du zu Ihnen sagen?" fragte Sabrina nicht ganz logisch.
"Mädchen, nun benimm dich bitte!" zischte Renate.
"Wenn du nicht willst", entgegnete Klaus, dem das nichts auszumachen
schien. "Du kannst mich auch Herr Eckert nennen. Wenn ich deswegen nicht
Frau Schirmer zu dir sagen muss."
"Nö", sagte Sabrina brummig. Erst jetzt zog ihr der Geruch aus
der Küche in die Nase. Ihre Mutter hatte gekocht und es roch diesmal
nicht nach Fenchelragout oder Blumenkohlbratlingen oder anderen Gemüseattacken,
die Sabrina verabscheute. Es roch extrem lecker.
"Mensch, hast du dir Mühe gemacht", kommentierte nun auch Klaus,
der den festlich gedeckten Tisch in der engen Küche betrachtete. "Und
das sieht aus wie Rouladen zufällig mein Lieblingsgericht!"
"Hast du ja mal gesagt", lächelte Renate.
Sie setzten sich zu dritt an den Tisch. Sabrinas Bauch war prall gespannt durch
die viele Schokolade, aber das Essen roch zu gut, und außerdem wusste
sie schließlich nicht, wann es wieder so etwas Gutes geben würde.
Schon lange hatte ihre Mutter nicht mehr so lecker gekocht. Die erste Portion
hatte sie schnell verdrückt und streckte, obwohl sie mehr als satt war,
noch die Hände nach der Kartoffelschüssel aus.
"Sabrina, ich glaube, du hast genug gegessen, wir hatten heute Mittag ja
schon was", maßregelte sie ihre Mutter gleich.
"Nun lass sie doch, Renate", sagte nun Klaus. "Wenn's ihr doch
schmeckt."
"Sie ist sowieso schon zu dick." Sabrina fühlte, dass sie rot
wurde. Das war nicht fair, gleich vor diesem fremden Typen davon anzufangen.
Der lachte natürlich. Seine nächsten Worte überraschten Sabrina
dann allerdings.
"So schlimm ist es nun auch wieder nicht, und das ist doch auch kein Unglück",
sagte er. "Besser dick als doof, das sage ich bei mir immer." Und
damit strich er sich über die kleine Kugel, die über seiner Hose stand.
"Ich nehme mir auch noch was, oder darf ich das auch nicht, Renate?"
Nun war es an ihrer Mutter, rot zu werden. Sabrina füllte sich eine große
Portion Kartoffeln, ein wenig Gemüse und eine weitere Roulade mit viel
Soße auf. Es machte ihr Mühe, das alles aufzuessen, aber sie schaffte
es auch wenn sie sich danach zu schwer zum Aufstehen fühlte. So
viel hatte sie noch nie gegessen; ihr Hosenbund zwickte sie höllisch und
nahm ihr die Luft.
"Ich bin müde", erklärte sie wenig später.
"Was, um halb neun?" fragte Renate.
"Na und?" Sabrina hatte keine Lust auf das Gespräch mit Klaus,
auch wenn er sie vorhin in Schutz genommen hatte. Sie wollte ihn nicht nett
finden. Und da ging sie ihm am besten aus dem Weg.
In ihrem Zimmer öffnete sie endlich die spannende Hose und ließ sich
aufs Bett fallen. Satt und kugelrund gefüttert schlief sie ein.
Klaus kam nun öfter zu ihnen. Sabrina begann fast, sich auf seine Besuche
zu freuen, weil es dann nämlich jedes mal etwas Gutes zu essen gab. Sie
hielt sich immer noch ihm gegenüber zurück und weigerte sich, über
den bevorstehenden Umzug zu reden, aber sie sah langsam ein, dass es unausweichlich
sein würde Klaus hatte ein großes Haus im benachbarten Stadtteil,
in dem einfach mehr Platz war als in der kleinen Etagenwohnung. Eines Tages
tauchte er bei ihnen auf, als Renate noch zur Arbeit war. Sabrina hatte sich
gerade eine Tüte M&Ms aufgerissen und schon halb aufgegessen, als er klingelte;
rasch schob sie die Tüte unter ein Sofakissen und öffnete.
"Mama ist nicht da", sagte sie statt einer Begrüßung, als
sie Klaus vor der Tür stehen sah.
"Ja, ich weiß", sagte er. "Aber ich dachte, du hast vielleicht
Lust, dir mal das Haus anzusehen, und ich habe heute Nachmittag frei."
Sabrina zuckte die Achseln. "Wenn du willst."
"Ich weiß, du hast gerade keine leichte Zeit", meinte er, während
er ihr in ihre Jacke half.
"Was geht's dich an", fauchte Sabrina. Wie immer ließ sich Klaus
davon nicht beirren.
"Mach lieber die Jacke zu, draußen ist es kalt", sagte er ruhig.
"Ich friere nicht", gab Sabrina ebenso patzig wie eben zurück.
Diesmal hatte es jedoch einen anderen Grund: Durch die ständige Nascherei
war sie in den letzten Wochen noch dicker geworden, und die Jacke passte zwar
über den Schultern noch so einigermaßen, ging um den Bauch aber nicht
mehr zu. Klaus warf ihr einen eigentümlichen Blick zu, der Sabrina zu Boden
sehen ließ. "Na ja", murmelte sie, "sie passt nicht mehr
so gut."
"Dann sollten wir dir vielleicht mal eine neue kaufen, was?" Sie war
überrascht. Keine Vorwürfe, keine Kommentare über ihre Verfressenheit?
Sie wusste kaum, was sie dazu sagen sollte. "Die ist eh nicht mehr so modern,
oder?" Jetzt schüttelte sie erleichtert den Kopf. "Na, dann komm
erst gucken wir mal nach der Wohnung, dann nach der Jacke."
Zwar war es nicht weit, aber trotzdem fuhr Klaus mit dem Auto; er war selbst
recht bequem und nicht unbedingt erpicht auf körperliche Bewegung. Sabrina
drehte sich die Lehne des Beifahrersitzes ein wenig zurück, weil ihr in
dieser Position die Jeans den Bauch nicht so einzwängte. Vor Klaus, der
ja selbst einen kleinen Bauch hatte, hatte sie nun vor allem nach seiner
Reaktion eben weniger Hemmungen als vor ihrer Mutter. Sie hielten bald
vor einem großen Haus, dessen Untergeschoss eine Bäckerei einnahm.
"Ist es hier?" fragte Sabrina überrascht.
"Ja hat Renate nie gesagt, dass ich eine Bäckerei habe? Ich
bin Konditormeister."
"Weiß ich nicht mehr", sagte Sabrina, wobei sie mittlerweile
nicht mehr so gereizt klang. Klaus schloss die Haustür auf und ging die
Treppe vor ihr hinauf; oben merkte er, dass seine Demnächst-Stieftochter
leicht außer Atem war. Er hatte über die letzten Wochen durchaus
bemerkt, dass sie in die Breite gegangen war, und auch Renate hatte erwähnt,
dass es ihr Sorgen machte, dass Sabrina trotz ihrer ausgewogenen Ernährung
immer mehr zunahm. Klaus war sich sicher, dass die Kleine sich abseits davon
mit Süßigkeiten tröstete, aber er fand, dass es ihr im Grunde
gut stand. Und wenn sie nun mal eine süße Zunge hatte er würde
ihr mit Sicherheit nichts verbieten. Vielleicht war das auch endlich eine Möglichkeit,
ihren Panzer zu knacken und sie ein wenig für sich zu gewinnen.
"Soll ich uns ein bisschen Kuchen aus der Backstube holen?" fragte
er, nachdem die beiden durch die Wohnung gegangen waren, und es entging ihm
nicht, dass Sabrinas Augen aufleuchteten. "Willst du mitkommen und aussuchen?"
"Oh ja!" entfuhr es Sabrina.
Unten eröffnete sich ihr ein kleines Paradies. Marzipanüberzogene
Nusstorten, Käsesahnetorte, Erdbeerschnitten, Schokoladenkuchen und weitere
lecker aussehende Sorten standen im Kühlraum. Sie wollte sich gerade für
die Ananassahnetorte entscheiden, als die Tür zum Verkaufsraum aufging:
"Oh Chef, Sie sind noch da, prima, können Sie mal kurz nach meiner
Abrechnung sehen?"
"Nimm dir schon mal was", sagte Klaus. "Ich komm gleich."
Sabrina balancierte sich die Ananassahnetorte auf ihren Teller und senkte die
Gabel in die Creme. Der Geschmack war göttlich; sie zerrieb den feinen
Biskuitteig mit der Zunge am Gaumen und biss genussvoll auf den knusprigen Boden
darunter. Bewusst nahm sie große Bissen, so dass die süße Creme
ihren Mund fast ganz ausfüllte. Noch einen. Und noch einen. Der Teller
war so schnell wieder leer. Ob sie vielleicht noch ein Stück von der Schokotorte
probieren durfte? Ach, warum nicht.... Die leichte Bitterkeit war ein angenehmer
Kontrast zur Ananassahne, und die Creme war schwerer, wie Buttercreme. Dafür
war der Teig sehr süß. Ein Gedicht. Und die Käsesahne ...? Sie
sah so verführerisch aus, mit dem puderzuckerbestäubten Teigdeckel.
Und schmeckte so herrlich frisch nach Zitrone.
"Du hast ja wirklich einen ganz schönen Appetit", hörte
sie nun plötzlich hinter sich. "Freut mich, dass es dir schmeckt."
Sie zuckte zusammen. "Nein, das ist schon in Ordnung, was der Mensch braucht,
muss er haben. Ich nehme mir auch noch ein Stück von der Sachertorte. Hast
du die schon probiert? Mein Meisterstück. Deiner Mutter musst du
ja nicht erzählen, dass wir uns heute Nachmittag ein bisschen was gegönnt
haben", setzte Klaus nach einer Pause hinzu. Zum ersten Mal lächelte
Sabrina.
"Nee, besser nicht", sagte sie und nahm die Sachertorte.
Zwei Wochen später zogen Renate und Sabrina bei Klaus ein. Renate hatte
wieder angefangen, als Sprechstundenhilfe bei einem Arzt zu arbeiten, und daher
war Sabrina oft nachmittags allein, wenn sie von der Schule kam. Zwar hatte
sie mit Klaus eine Art Waffenstillstand geschlossen, aber ihr machte die Situation
immer noch schwer zu schaffen. Sie vermisste ihren Vater, kam mit ihrer Mutter
nicht gut zurecht, und Klaus kannte sie einfach noch zu wenig. Dafür machte
ihr das ständig steigende Gewicht immer weniger zu schaffen. Klaus nahm
öfter für sie Partei, wenn Renate an ihr herumkritisierte; er war
mit ihr einkaufen gefahren und hatte ihr neue Hosen gekauft, die weit und bequem
saßen und sie nicht wie eine Wurst in der Pelle aussehen ließen.
Und ihr Taschengeld hatte er auch erhöht 100 DM im Monat setzte
Sabrina fast ausschließlich für Süßigkeiten um.
Ganz anders sah sie aus als ihre Mutter, die dürre Ziege, dachte Sabrina
eines Abends, als sie sich vor ihrem Spiegel auszog. Ihre eigenen Arme waren
rund und weich, sie entwickelte einen hübschen Busen, und darunter stand
ein breiter, weicher Bauch vor, der bei jedem Schritt zu wabbeln anfing. Langsam
strich sie sich über den gerundeten Oberbauch, der durch ein leckeres Abendessen
mit zwei Portionen Spaghetti sowie drei Marsriegeln und einem Päckchen
Choco Crossies prall gefüllt war. Heute morgen hatte sie 76 Kilo gewogen,
sechs mehr als noch vor einem Monat. Sie hörte die Schlafzimmertür
klappen und wusste, dass Klaus und Renate früh schlafen gingen, weil Klaus
um fünf mit der Arbeit begann; und plötzlich tauchte eine Idee in
ihrem Kopf auf, die sie nicht mehr losließ. Jetzt noch ein Stück
Torte vor dem Einschlafen das wäre genau das richtige.
Auf leisen Sohlen schlich sie durch den Flur, öffnete die Wohnungstür
und ging die Treppe hinunter zur Backstube. Sie erschauderte vor Vorfreude,
als sie die Tür des großen Kühlraums öffnete. Dort standen
die ganzen Köstlichkeiten, und sicher würde niemand mehr genau wissen,
wie viel Stücke von welcher Torte vom Vortag übrig geblieben waren.
Als erstes genehmigte sie sich ein Stück Frankfurter Kranz, den Klaus mit
verschwenderisch viel Buttercreme zubereitete. Dann die Mokkatorte, die ihr
aber zu bitter war; etwas fruchtigeres danach musste her. Himbeersahne. Sie
war froh, dass sie nur einen Bademantel trug kein enges Bündchen
drückte ihren immer weiter vorquellenden Bauch, der immer praller und fetter
wurde. Ihr Magen drückte, aber es war zu lecker, um schon aufzuhören.
Während sie sich mit der linken Hand den aufgedunsenen Bauch massierte,
stopfte sie noch ein Stück Schokoladencremetorte in sich hinein. Dann lehnte
sie sich zurück; sie hatte deutlich zu viel gegessen, aber schlecht war
ihr nicht, nur spannte ihr Magen und drückte. Sie schnaufte beim Atmen,
aber schließlich überwand sie sich, aufzustehen, die Spuren der nächtlichen
Völlerei zu beseitigen und ins Bett zu gehen. Die Treppe erschien ihr endlos,
und oben angekommen, war sie heiß im Gesicht und außer Atem; sie
musste warten, bis sie wieder Luft bekam, dann schlich sie leise wieder in ihr
Zimmer.
So ging es in den nächsten Wochen weiter: Sabrina schlich sich fast jeden
Abend in die Backstube, um sich grenzenlos an Kuchen und Torten zu überfressen.
Ihre Mutter war glücklicherweise zu verliebt, um sich so sehr auf das rasant
ansteigende Gewicht ihrer Tochter zu konzentrieren, wie sie es früher getan
hatte. Vier, manchmal fünf Stücke Torte verdrückte Sabrina jeden
Abend, und da sie ansonsten jede Art von Bewegung vermied, war klar, dass sie
davon enorm fett wurde. Schon bald waren die achtzig Kilo überschritten,
und Sabrina futterte sich mit ihren fünfzehn Jahren schnell auf die neunzig
zu. Ihr Hintern saß prall eingezwängt in einem engen Paar Jeans,
ihr Busen wuchs täglich, aber vor allem am Bauch setzte sie immer mehr
Fett an.
Immer öfter wurde sie nun auch in der Schule auf ihr Gewicht angesprochen.
Ihre Klassenkameraden machten natürlich weiter ihre Witze, wenn sie im
Sportunterricht aus der Puste kam und beim Rundlauf um die Halle ihre Schenkel
schwabbelten und aneinander rieben. Ihre Klassenlehrerin fragte, ob sie "ein
Problem zu Hause" hätte, und ihr Sportlehrer meinte, sie sei langsam
so dick, dass sie eine Kur zum Abnehmen machen sollte. "Du platzt ja fast
aus allen Nähten, Mädchen", meinte er. "Wenn das so weitergeht,
kannst du bald gar nicht mehr mitturnen." Sabrina wurde rot, sagte aber
nichts. Als der Sportlehrer sich wieder einer anderen Gruppe zuwandte, blieb
sie wie versteinert stehen, bis sie merkte, dass Eva, eine Klassenkameradin,
neben ihr stand.
"Dieser blöde Typ", sagte sie. "Ärger dich nicht."
Sabrina schluckte ein wenig. Sie hatte sonst wenig mit Eva zu tun gehabt, die
allerdings, wie ihr plötzlich auffiel, auch recht rundlich war. Nicht so
fett wie sie selbst, aber mit mehr Pfunden als im Durchschnitt. "Ich find's
klasse, dass du dich nicht mit Diäten abstrampelst wie alle anderen."
"Du doch auch nicht, oder?" fragte Sabrina vorsichtig. Eva schüttelte
den Kopf.
"Darauf habe ich keinen Bock. Ich ess ganz gern mal was."
"Mein der neue Freund von meiner Mutter ist Konditor", erzählte
Sabrina jetzt. "Na ja, da gibt's halt Kuchen satt."
"Ehrlich? Hast du's gut. Bei mir reicht das Geld meist hinten und vorn
nicht."
"Komm doch nach der Schule mit, Klaus gibt uns bestimmt was", sagte
Sabrina.