Inhalt
Dritter Brief, in dem eine wohlgestalte Dame von großem Einfluss auftritt.
Vierter Brief, dem ein Band aus Samt beigelegt ist.
Sechster Brief: - Intermezzo -
Siebter Brief, in dem von einer Affaire auf Französisch die Rede ist.
Achter Brief, in dem bei einer Gesellschaft die politische Seite der Üppigkeit zum Tragen kommt.
Die geneigten Leser werden ebenhier nähere
Bekanntschaft machen mit
- Sophie von Altenburg, einer angehenden Hofdame, die
sich im Jahre 1766 auf dem Gute ihrer gestrengen Tante, der Gräfin Luise
von Wustrau-Wiesenau befindet, sowie mit
- Caroline von Bernau, in Frankreich aufgewachsene Schottin
angeblich königlichen Geblüts, Witwe des Rittmeisters Georg von Bernau
und Autorin ungehöriger Lebensbeichten.
Des weiteren wird im Verlaufe des Briefwechsels die Sprache
sein von
- Herzog Alexander von Hallingen-Hohenburg, dem verblichenen
Fürst
- Baronin Agathe von Zacherow von Gut Falkenhagen, nahe
Freundin der Gräfin Luise von Wustrow-Wiesenau
- Agnes, Zofe der Caroline von Bernau
- Conte Barolo, Lebemann und Zeichenlehrer mit Gütern
im Piemont,
- Anais de Montfort-Vallon, Jugendfreundin der Caroline
von Bernau
- Elisabeth von Sengershain, spitzzüngige und hopfenstangige
Dame der Gesellschaft
Erster Brief: Sophie an Caroline, 30. März 1766
… in dem Sophie voll Hoffnung von einem Zufall berichtet und wir vom Tode des Fürsten erfahren.
Meine geliebte Freundin,
darf ich Sie so nennen? Darf ich einer Fremden meine Bekanntschaft, meine Freundschaft, ja meine Liebe so im ersten Worte antragen, das ich an sie richte? Aber das fragt nur mein Verstand. Mein Herz, mein Gefühl ist klüger.
Ja, ruft es mir zu, Du darfst die Freundin nennen, die mit ihren Worten jene Saiten deines Körpers entzückt und bewegt hat, welche sonst stumm schienen und nur von Zeit zu Zeit in wilden Träumen Dich erschreckten. Du darfst die Freundin nennen, die in Dir jenes Feuer zum Lodern brachte, das Du nicht mehr stillen kannst, seitdem Du die ersten Zeilen ihrer Bekenntnisse einer sehnsüchtigen Seele lasest.
Dem Rat meines Herzen folgend will ich Sie, verehrte Caroline, also Freundin, liebe Freundin nennen und Ihnen das gestehen, was mein schwätzendes Herz schon verriet: Seit ich die Beschreibungen der Lebensreise Ihrer Jugend las, bin ich ein anderer Mensch. Der Zufall führte mir in diesen kalten Wintertagen, die endlich nun ihr Ende zu finden scheinen, Ihr kleines Büchlein in die Hand. Ach, was sage ich Zufall, wo ich doch Schicksal sagen sollte, denn ich weiß, ich fühle, daß Ihre Bekenntnisse mein ganzes Leben verändern werden.
Doch lassen Sie mir einen Moment, Luft zu holen, meine Begeisterung zu zügeln und wenigstens Herrin meiner Worte zu werden. Sie kennen mich nicht und doch müssen Sie mich kennen, da Sie in Ihren Zeilen ja all meinem Empfinden, meiner Sehnsucht, meiner Angst und meinen Träumen Ausdruck verliehen!
Darf ich offen sprechen? Auch ich gehöre, nur ein halbes Dutzend Lenze jünger als Sie, zu jenen jungen Frauen, deren Seele und Körper durchdrungen ist von jener Lust des Mästens, das wir als Kinder auf den Höfen unserer Bauern von Zeit zu Zeit mit Staunen und versteckter Neugier beobachten konnten. Doch anders als Sie schämte ich mich dieser Lust und erröte noch jetzt bei dem Gedanken, meine Worte, nur für Sie bestimmt, könnte ein Dritter lesen, ja dieser Brief könnte verloren gehen und meiner Tante in die Hände fallen, auf deren Gut ich zur Zeit lebe. Zwar ist auch sie dem Verzehr deftiger Braten und schwerer Torten nicht abgeneigt und wiegt gut und gern das Doppelte von mir, aber dennoch kann bei ihr, als bei einer strengen Preußin, von Genuß keine Rede sein. Vielmehr muß zum Nachmittag die Torte gegessen werden, wie zum Abend der Fisch und der Braten und der Käse, so daß alles seine Ordnung hat. Ja, ich möchte sagen, sie hat sich der reichhaltigen mitteldeutschen Küche nur angepaßt, weil sie es als ihre Aufgabe ansah, sich unserem Fürsten (Gott hab ihn selig) anzupassen.
Der Fürst verstarb gerade zu jener Zeit, als mich meine Eltern zu meiner Tante schickten, die mich auf das Leben als Hofdame vorbereiten soll. Der Tod des Fürsten war ein schwerer Schock für meine Tante wie für den Rest der Hofgesellschaft, den er kam früh, doch wohl nicht ganz unerwartet – man sagt, er sei so fett gewesen, daß er die letzten Jahre seines Lebens das Bett habe kaum noch verlassen wollen – oder können. Nun wird unser Fürstentum von seiner Frau regiert, die sich aber, so sagt meine Tante, zurückziehen wird, sobald sich ihr Sohn vermählt, um dann, wie hier der Brauch, die Erbschaft seines Vater anzutreten und selbst Fürst zu werden.
Auch mir persönlich kam der Tod des Fürsten sehr ungelegen, so dachte ich wenigstens anfänglich: Statt weniger Wochen sah ich mich plötzlich einen ganzen Winter lang auf das Gut meiner Tanten verschlagen, denn die Fürstin beschloß, dem bisherigen üppigen Hofleben Einhalt zu gebieten, und vereinbarte mit meiner Tante, mich nicht bereits zum Herbst, der ganz der Trauer und Besinnung gewidmet sein sollte, sondern erst im kommenden Frühling, zu Besuchen am Hofe zuzulassen. Sechs Monate langer Weile lagen vor mir, die ich, neben meinen Stunden in Französisch und Zeichnen, hauptsächlich mit seichter Konversation und Schlafen zugebracht haben würde, wenn nicht mein Zeichenlehrer von meiner Tante die Erlaubnis erhalten hätte, den Unterricht im Neuen Jahr in sein Atelierräumen fortzusetzen.
Doch eben ruft mich meine Tante zum Essen, meine Liebe. Ich muß für heute schließen, denn ich habe es mir angewöhnt, gleich nach Tisch zu Bett zu gehen, um mich dem Wohlgefühl meines vollen Bauches ganz hingeben zu können.
Welch glücklicher Fügung ich es zu verdanken habe, daß mir Ihr Büchlein in die Hände fiel, das in meinem Leben Epoche machte, davon schreibe ich Ihnen demnächst – nur so viel möchte ich verraten, daß es mein Zeichenlehrer war, der zunächst mit einem wahrhaft üppigen Aktmodell meine Sinne lockte und meiner erwachenden Lust ein dienstbarer Geist wurde…
Hochachtungsvoll und von Herzen bin ich
Ihre Sophie
* * *
Zweiter Brief: Caroline an Sophie, im April 1766
… in dem eine Freundschaft bekräftigt wird und uns ein wahrhaft stattlicher Herr begegnet.
Liebe Freundin,
Ihr Brief, der mich gestern erreichte, hat mich tief bewegt, und ich bitte Sie innig, Ja, nennen Sie mich Freundin, wenn ich dasselbe Recht auch für mich in Anspruch nehmen darf. Daß er mich so sehr berührte, hat seinen Ursprung zum einen darin, daß Ihr Brief der erste aus der Hand einer jungen Frau ist, den ich hinsichtlich meiner Bekenntnisse je erhalten habe, zumal schon einige Jahre verstrichen sind, seit das besagte Büchlein erschienen ist. Damals erwartete ich, durch seine Veröffentlichung einen Skandal heraufzubeschwören, den ich aus Gründen, die ich Ihnen später vielleicht noch einmal ausführlich schildern werde, zu jener Zeit nicht fürchtete, sondern eher herbeisehnte – und der ausblieb. Das Buch wurde gekauft, es wurde gelesen, doch kaum jemand sprach darüber, so unschicklich war der Gedanke, ein Weib maße es sich an, mit derartiger Offenheit darüber zu schreiben, welche Leidenschaft sie empfand, wenn sie aß und dabei oftmals jegliches Maß fehlen ließ. Daß Ihnen ein Exemplar in die Hände geriet – nennen Sie es nicht Zufall, nennen Sie es Schicksal, liebe Freundin, denn in Gedanken an Frauen, wie Sie sich mir zu erkennen gaben, habe ich meine Worte damals niedergeschrieben.
Doch bin ich gleichwohl froh, dass die Lebensreise in den Salons allenfalls flüsternd diskutiert worden ist. Andernfalls würde Ihnen Ihre gestrenge Tante, deren Name mir selbstverständlich gut bekannt ist, sicherlich keinen Brief aushändigen, der mein Siegel trägt. Doch so gelte ich ihr vermutlich als die wunderliche Französin, die mit Georg von Bernau verheiratet wurde, da ihr angeblich ein großes Erbe zufallen sollte und deren königliches Blut ihm imponierte. Von diesen drei Eigenschaften besaß ich tatsächlich nur das königliche Blut; doch auch dazu vielleicht später einmal mehr. So denke ich, dass Ihre Tante gegen einen Briefwechsel ihrer Nichte mit einer gut situierten, respektablen Witwe nichts einzuwenden hat; Sie werden bereits gesehen haben, dass ich Ihnen ein zweites, unverfängliches Schreiben beigelegt habe, das die Neugier der Gräfin sicherlich befriedigen wird.
Liebe Freundin, lassen Sie mich Ihnen sagen, wie glücklich ich bin, daß Sie die Courage aufgeboten haben, sich mir, einer völlig Fremden, in einer derart delikaten Sache anzuvertrauen und mir von jener Leidenschaft zu schreiben, die auch ich noch immer unverwandt in mir fühle. Ich kann nicht verhehlen, daß meine Wangen erglühten, als Sie den Umstand erwähnten, wie gern Sie mit einem wohl gefüllten Bauch des Abends schlafen gehen, um unter den Laken die süße Last einer üppigen Mahlzeit zu fühlen und sich schwer in die Kissen sinken zu lassen. Als ich Ihren Brief gestern erhielt, hatte ich ihn bis zum Abend so oft gelesen, daß ich nun meine, ihn auswendig zu kennen, und als ich – wie es meine Gewohnheit ist – mein sehr reichliches Nachtmahl einnahm, ließ ich meine Köchin eine weitere Portion des kalten Bratens und der Pastete bringen, die ich dann – obschon bereits recht gut gesättigt – mit großem Genuss aß, während ich daran dachte, dass auf dem Gut Ihrer lieben Tante eine Seelenverwandte ebenfalls ihren Magen überreichlich füllte …
So gern wüsste ich mehr über Sie und über die Dinge, die Ihre Leidenschaft am meisten wecken. Sind es die Braten und Torten, die Sie in Ihrem Brief erwähnten? Sind es vielleicht süße Sahne, süße Kuchen oder eingelegte Früchte, oder sind es deftige, schwere Mahlzeiten, die Krustenbraten, die gefüllten Kapaune? Und welche Spuren hat die gute Tafel der Gräfin bereits auf Ihrem Körper hinterlassen?
Seit von Bernau vor einem Jahr unvermittelt aus dem Leben gerissen wurde – von dem Duell haben Sie, wie ich annehme, gehört – habe ich den Weg, den ich in der Lebensreise andeutete, erhobenen Hauptes weiter beschritten. Ich habe mir nicht versagt, wonach es mich gelüstete, und wenn ich auch wohl den Umfang Ihrer Tante noch nicht erreiche, so bin ich doch inzwischen von einer gewissen Üppigkeit, die mir Anstrengungen leicht beschwerlich werden läßt und mich dazu verführt, meine Tage zunehmend in Bequemlichkeit zu verbringen, sie mit Schreiben zu füllen und mich weiteren Tafelfreuden hinzugeben. Meine Schneiderin hat es sich angewöhnt, neue Roben mit breiten Säumen zu versehen, um sie nach Bedarf auslassen zu können, wenn meine Leibesmitte erneut an Umfang gewonnen hat. Jedesmal, wenn ich sie rufen lasse, funkeln ihre Augen, wenn ihre Hände über meine breite Taille fahren – meine Liebe zum Genuss ist ihr Gewinn –, und mir scheint es, als habe sie auch eine private Neugier darauf, wieviel dicker ich seit dem letzten Mal geworden bin.
Doch sollte ich noch erzählen, welches der zweite Grund war, aus dem heraus mich Ihr Brief so berührte. Sie erwähnten den Fürsten, der im letzten Herbst verstarb. Vor einigen Jahren hatte ich das große Glück, ihn kennenlernen zu dürfen, und die kurze Zeit, die ich in seiner Nähe verbringen durfte, war für mich eine Zeit der Erkenntnisse und der tiefsten Erfahrungen. Obwohl zwischen uns niemals mehr als eine flüchtige Bekanntschaft bestand, schulde ich ihm meinen Dank, und gern möchte ich Ihnen von ihm erzählen, denn er war einer jener Menschen, die unsere Leidenschaft geteilt haben und der sich im Kreise seiner Vertrauten unmißverständlich dazu bekannte. Was man über ihn erzählte – daß er so überaus fett gewesen sei, daß er zuletzt kaum noch aus dem Bett aufstand, – entspricht durchaus der Wahrheit, soweit ich weiß.
Kurz nach dem Erscheinen meiner Lebensreise erreichte mich ein Schreiben, das mir von einem Boten persönlich überbracht wurde – mit großer Sorgfalt war ein Tag ausgewählt worden, an dem sich mein Gatte auf der Jagd befand. Können Sie sich meine Aufregung vorstellen, als ich an seiner Unterschrift erkannte, wer sich da in derart intimen Rahmen an mich wandte? Er ließ mich wissen, er habe mein Buch gelesen und würde gern über verschiedenes, das ich darin erwähnt, mit mir sprechen. Daher lade er mich nach Barkenow ein, jenes Lustschlösschen an den großen Seen, um mir in angemessenem Ambiente zu diskutieren. Er zeigte sich erstaunlich ungeniert, als er weiter ausführte, dieses Ambiente bestünde für ihn vor allem in reichlichem, guten Essen, und er habe die Hoffnung, daß ich mich als die Frau erweisen würde, die er sich als die Verfasserin eines Büchleins über Üppigkeit vorstelle. Gleichzeitig sandte er meinem Gatten und mir eine offizielle Einladung zu, die er geschickt so datiert hatte, dass von Bernau zu dieser Zeit aufgrund seiner Verpflichtungen als Rittmeister unabkömmlich sein würde.
Und so kam es, dass ich tatsächlich allein nach Barkenow reiste. Die Wochen, die mir bis zu dieser Reise blieben, füllte ich derart mit übermäßigem Essen, dass die Dienstboten zu tuscheln begannen. Mein Gatte war wie üblich die meiste Zeit mit seinen Kumpanen unterwegs, und ich hatte beschlossen, dem Fürsten als eben die Verfasserin zu erscheinen, die er erwartete. Kurz gesagt, ich mästete mich derart, wie Sie es, wie Sie erwähnten, auf den Gehöften Ihrer Umgebung gesehen haben werden. Zwar war ich damals nicht eben zierlich; wie Sie aus den Bekenntnissen wissen, war ich das nie. Aber ich fühlte mich wie berauscht über die Aussicht, mit einem maßlosen Esser über meine Leidenschaft sprechen zu können. In jenen Tagen nahm ich stark zu, meine Hüften rundeten sich immer mehr und mein Bauch schickte sich an, jedes Kleid zu sprengen, das ich besaß. Jeden Abend fiel ich geradezu erschöpft ins Bett, weil ich so überaus geschlemmt hatte. Absichtlich überaß ich mich ein ums andere Mal, und schon bald stellte ich fest, daß mein Appetit mit jedem Mal wuchs, da ich meiner Maßlosigkeit nachgegeben hatte.
Am Tag der Reise waren unter all meinen Kleidern nur noch drei, die mir wirklich paßten, alle anderen zeigten deutlich an, daß ich sicherlich um die fünfzehn Pfund zugenommen hatte. Die Reise war beschwerlich, schon allein, weil mein Magen aus Gewohnheit nach viel mehr Nahrung verlangte, als es mir schicklich schien, in der Öffentlichkeit zu mir zu nehmen. Ich fühlte mich wie verhungert, als ich in Barkenow ankam, und beim Weg die hohe Freitreppe hinauf schoß mir das Blut vor Anstrengung ins Gesicht; ich war sehr faul gewesen in den vergangenen Tagen meiner Mast. Doch all das war vergessen, als ich den Fürsten vor mir sah.
Liebe Sophie, er war ein bildschöner Mann, mit dem es an Stattlichkeit niemand aufnehmen konnte. Aber ich will die deutliche Sprache wählen, so wie er selbst sie bevorzugte. „Sprechen Sie es aus, Caro“, pflegte er zu mir zu sagen, „sprechen Sie doch nicht von Embonpoint, von Rundlichkeit oder Stattlichkeit, wenn wahre Fettliebhaber beieinander sind. Sagen Sie, was ich bin – ein Fettwanst, der eine überaus feiste Wampe vor sich herschiebt.“ Und das war er – er war wirklich unglaublich fett. Seine Hände waren mit dicken Speckpolstern überzogen, so daß die Knöchel nicht mehr zu sehen waren, und sein Kinn verschwand in der weichen Speckschicht seines Halses. Wenn er saß, ruhte sein enormer Dickwanst auf seinen breiten Schenkeln, und er ging mit jenem langsamen, würdevoll schwankenden Schritt, der sehr fetten Menschen eigen ist. Ich möchte Ihnen noch viel mehr von ihm erzählen, aber ich glaube, ich werde meine Geschichte mit meinem nächsten Brief fortsetzen – sollten Sie, meine Liebe, eine Fortsetzung wünschen, nun, da ich Ihnen mehr über mich verraten habe. Gern wüsste ich meinerseits mehr über Ihre Zeichenstunden mit jenem rundlichen Aktmodell … die letzten beiden Porträtmaler mußte ich entlassen, weil keiner von ihnen in der Lage war, meine Fülle wahrheitsgemäß darzustellen, sondern sie sich beide darin gefielen, mich mindestens vierzig Pfund leichter erscheinen zu lassen. |
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In der Hoffnung, dass die Tafel Ihrer Tante Ihnen weiterhin uneingeschränkte Freude bereitet und mit der Bitte, sich den Genüssen hinzugeben, zu denen Sie sich hingezogen fühlen, verbleibe ich innigst,
Ihre Caroline von Bernau
* * *
Dritter Brief: Sophie an Caroline, 4. April 1766
… in dem eine wohlgestalte Dame von großem Einfluss auftritt.
Meine liebe Caroline,
was für eine unerwartete Ehre und überwältigende Freude, ein Brief von Ihnen, beste Freundin, in meinen Händen! Ich dachte, bereits Ihr Buch hätte Epoche in meinem Leben gemacht – und das hat es ganz ohne Zweifel auch getan, bereits ein Blick in den Spiegel genügt, um mir den äußeren Schein des Ausmaßes Ihres Einflusses vor Augen zu führen – aber nun erst weiß ich, daß Sie selbst es sind, die mein Leben Macht Ihrer Schönheit und Stärke verändern wird! Ihr Brief, oh Ihr Brief, dieser Labsal meiner entschlossenen, doch allzubald verzagenden Seele, mit welchem Gefühle halte ich Ihren Brief in den Händen, mit welchem Gefühle küsse ich Ihre Schrift im Überflusse meines Herzens.
Doch ich schwärme, wo ich schreiben sollte. Verzeihen Sie es mir, verzeihen Sie es mir, als einem kranken Kinde, das zum ersten Mal wieder in der Nachmittagssonne mit seinesgleichen spielen darf, wo es sonst im abgedunkelten Zimmer nur dumpf das Lachen der anderen vernahm. Ein Brief von Ihrer Hand! Diesen Schatz will ich lang an meinem Busen tragen (und wahrlich versteckt es sich leicht in meiner Fülle), so schnell soll nichts anderes diesen warmen, weichen, nächsten Platz an meinem Herzen einnehmen! Doch warten Sie, soeben höre ich Schritte – – –
– – – welch ein Schreck! Fast dachte ich, wir wären verraten, verloren. Statt dessen aber sehen Sie mich vor Ihrem geistigen Auge in recht bequemer Lage: Die Baronin von Zacherow, eine nahe Freundin meiner Tante, welche uns oft die Ehre ihrer Anwesenheit erweist, wenn sie sich nicht am Hofe aufhält, die Baronin also, ließ mir durch ihren Diener ein Fläschchen Portwein und eine Schüssel köstlichster Hof-Pralinen bringen, mit der Bitte, diese ja zu genießen, bevor ich am Abend zu Tisch käme. Da sehen Sie, welch einen Einfluß schon jetzt Ihr freundliches Schreiben auf mein Leben hat.
Meine Tante, die Gräfin, blickte, wie es nun mal ihre Art ist, streng, als mir gestern Mittag Ihr Brief überreicht wurde. Es verstand sich von selbst, daß ich ihn augenblicklich zu öffnen hatte und ich danke Gott für Ihren Weitblick, ein zweites Schreiben einzuschließen. Um Fassung bemüht, las Ihre freundlichen offiziellen Zeilen, während ich mit zitternder Hand jene anderen auf meinen Schoß sinken ließ. Als ich geendigt, schien meine Tante noch immer skeptisch, während die Baronin das Wort ergriff: „Aber meine liebe Luise“, sagte sie zur Gräfin, „welch ein Glück, ein Briefwechsel mit einer so weltläufigen und geistreichen Dame, wie es die verehrte Caroline von Bernau ist, kann bei unserer lieben Sophie nur zum Guten anschlagen.“ – „So?“, entgegnete meine Tante, kein Freund großer Worte, und widmete sich wieder Ihrem geschmorten Kalbsrücken in Steinpilzsoße. Ich senkte die Augen und versuchte ebenfalls, mich auf mein Essen zu konzentrieren, doch glühte ich unter dem Blick der Baronin, den ich nur allzu deutlich auf mir spürte. „Ja, meine liebe Luise“, begann die Baronin erneut, „Sie werden sehen, daß sich dieser Briefwechsel für unsere Sophie bezahlt macht, es wird nicht zu übersehen sein“. Unruhig über die Doppeldeutigkeit ihrer Worte blickte ich zu ihr, doch zu meiner großen Erleichterung lächelte sie mich an, bevor sie sich zwei weitere Klöße geben ließ und begann über das Wetter zu reden.
Wie ich das Gespräch, das Essen beendete, wie ich aus dem Saale hinaus-, die Treppe zu meinem Zimmer hinaufkam, weiß ich nicht zu sagen: Ich weiß nur, daß ich noch im Stehen jene Zeilen verschlang, die nur für mich bestimmt waren, und jede Ihrer schwergewichtigen Neuigkeit bereitete mir Vergnügen! Daß Sie noch ganz diejenige sind, die die Welt so mutig mit dem Geständnis Ihrer Freß- und Mastlust überraschte, ja daß sie, wenn ich so sagen darf, über die Jahre noch mehr sie selbst geworden sind, entzückte und berührte mich. Doch wie erregt wurde ich erst über der Nachricht, daß Sie IHM, dem Fürsten, begegnet sind, daß Sie mir Gewißheit über das geben, was ich nie zu fragen, ja kaum zu denken gewagt: Daß er, der Fürst, einer von uns war! Ihre Beschreibung seiner Stattlichkeit bereitete mir eine solche Lust, daß ich, vom Übermaß der Freude wie des Essens übermannt, in einen kurzen wilden Schlaf fiel, der mich von ihm träumen ließ.
Ihnen, meine Teuerste, will ich mich auch was dies betrifft, ganz öffnen, wie ich mir überhaupt wünsche, daß kein Geheimnis zwischen uns sein soll: Mir träumte, ich käme in ein Zimmer, das nach schweren Rosen duftete und nur von ein paar Kerzen beleuchtet war. Die Wänden schmückte eine lange Tafel, über und über mit köstlichsten Speisen beladen: Gebratene Tauben, gegrillter Hecht, Nüsse und Feigen, neben Platten von Früchten und Sahne, ein ganzes geröstetes Ferkel, vielerlei Käse mit frischem Wein, und alle feinen Schinken Spaniens schienen versammelt. Schnell nahm ich mir eine große Schale und füllte sie mit scharfen und fettigen, süßen und salzigen Leckereien, als sich plötzlich eine wunderbar weiche, tiefe Stimme an mich richtete: „Ja, iß Dich nur satt, mein Kind, damit du schön und schwer wirst, dann sollst du es gut haben an meinem Hof“. Ich blickte um mich und entdeckte hinter einem dünnen Vorhang an der hinteren Seite des Zimmers eine riesige, goldene Schlafstatt, in welchem bequem auf die Seite gebettet, ein Koloß von einem Mann lag. Ich trat näher und erkannte ihn sogleich. Doch plötzlich begannen die Kerzen zu flackern und in den Augen des Fürsten, eben noch strahlend, sah ich Verzweiflung. „Komm“, flüsterte er mir flehentlich zu, „komm und füttere mich, man läßt mich hungern, man mutet mir zu selbst aufzustehen, um mir etwas von den Speisen zu holen, man gönnt mir nicht die Ruhe, die einem Fürsten gebührt“. Schweigend setzte ich mich zu ihm auf das Bett und während ihn meine rechte fütterte, begann meine linke wie von selbst, seinen Wanst zu erkunden, diesen weichen, schlaffen Speck, der sich im Liegen seitlich neben ihm ergoß, und mit hellen, rissigen Linien gezeichnet war. Ich tastete mich hoch zu seinen vollen, fetten Brüstchen und begann sie leicht zu massieren, was ihm sichtlich gefiel. Doch erst als ich auch das letzte Stückchen Brot im letzten Rest dunkler Soße gewendet und ihm in den Mund gesteckt hatte, begann er, meine Zärtlichkeit zu erwidern und griff mir zielsicher in meinen weichen Unterbauch, der hilflos auf meinen breiten Schenkeln lag – da erwachte ich. Und ich muß Ihnen kaum sagen, wie ich erwachte.
Doch wohin treibt mich meine Begeisterung? Ich versprach, Ihnen zu berichten, wie ich an Ihr unbezahlbares Büchlein kam, ohne welches ich niemals von diesem Traum berichtet hätte, ja, ich fürchte sagen zu müssen, ohne das ich mich selbst wohl schwerlich an diesen Traum erinnerte. Schenken Sie mir also Ihre Geduld, wie Sie mir Ihre Gunst schenkten und hören Sie der Reihe nach, was ich vom vergangenen Winter zu berichten für nötig erachte.
Die ersten Wochen nach meiner Ankunft auf dem gräflichen
Gut und der Nachricht der veränderten Umstände, die durch den Tod
des Fürsten eingetreten waren, vergingen gemächlich. Schnell hatte
ich mich eingelebt, und wußte, wann das Frühstück, wann der
vormittägliche Tee, wann das reichhaltige Mittag, wann der Nachmittagskaffee
und wann das um ein Vielfaches reichhaltigere Abendmahl einzunehmen war. Die
Lebhaftigkeit des elterlichen Hauses, das gelegentliche Ausreiten, der Besuch
von Verwandten blieb aus, da die Gräfin eine solche „Betriebsamkeit“,
wie sie es nennt, für eine junge Frau unschicklich findet.
So blieb ich während der Stunden zwischen den Mahlzeiten auf meinem Zimmer
oder im Salon, widmete mich, wie es mir aufgetragen war, der französischen
Sprache und des Zeichnens, oder blätterte gelangweilt in einem Buche.
Sie können sich, meine liebe Caroline, sicher vorstellen, daß die
Folgen so vieler Muße nicht ausblieben, zumal mich das exzellente Essen
über vieles hinwegtrösten mußte, was ich bei meiner Tante entbehrte.
Ich begann, fett zu werden. Seit ich denken kann, wurde ich für meine ansehnliche,
weibliche Figur bewundert, ich hatte kleine weiße Brüstchen, ein
rundes Gesicht und ebenso runde Arme. Bauch und Hüfte waren schon immer
ein wenig ausladend, aber nicht dick zu nennen. Nun aber setzte ich mit jeder
Woche mehr an. Zunächst an Bauch, Hintern und Hüfte, dann auch im
Gesicht, an Armen, Beinen und Brüsten. Das Personal tuschelte schon, ich
sei schwanger und deswegen aufs Gut der Gräfin geschickt worden. Bald bemerkte
ich, daß es mir schwerfiel, die Treppen zu meinem Dachzimmer hinaufzusteigen,
wenn ich mich abends nach üppigem Mahle zurückzog. Es blieb nicht
aus, daß das Mädchen, das mir beim An- und Auskleiden zur Hand geht,
die Schnüre meiner Korsage verlängern mußte, um sie überhaupt
noch schließen zu können. Beim Gehen, das ich mehr und mehr mied,
begannen meine Oberschenkel aneinander zu reiben und wenn ich mich setzte teilte
sich mein Bauch in zwei Speckrollen. Lethargisch beobachtete ich die schleichende,
aber doch merkliche Zunahme meines Körpers, als gehöre er nicht zu
mir und tröstete mich damit, daß ich im Frühling wohl ganz von
allein wieder schlanker werden würde. Doch zugleich konnte ich mir nicht
verbergen, daß mich diese Ausdehnung meines Körpers faszinierte,
ja, um aufrichtig zu sein, und vor Ihnen kann ich, muß ich aufrichtig
sein, die Vorstellung, mein Körper könnte noch weicher, fülliger,
fetter werden, mein Bauch könnte sich zu senken anfangen, bis mir eines
Tages der Unterbauch beim Stehen über die Schenkel hängen würde,
erregte in mir eine Lust, die ich nicht zu stillen, noch zu beruhigen vermochte.
Dieser qualvolle Zustand, wechselnd zwischen Lethargie und Lust dauerte an, bis kurz vor Weihnachten die Ankunft der Baronin gemeldet wurde, die sich nach dem Tod des Fürsten auf eine Erholungsreise nach Italien begeben hatte, nun aber zurückgekehrt war, um die Feiertage auf den Gütern der Gräfin zu begehen. Da mir meine Tante viel von ihrer Freundin erzählt hatte, stand ich mit neugierigem Blick und einer großen Tasse heißer Schokolade am Fenster meines Zimmers, als die drei Kutschen der Baronin eines kalten Wintertages endlich vorfuhren. Wie sich später herausstellte, war eine Kutsche voll von südlichen Leckereien, mit denen sie sich und uns das Weihnachtsfest zu versüßen gedachte, eine zweite war ihr selbst, einer überaus majestätischen Schönheit um die fünfzig Jahre, nebst ihrer Gesellschafterin vorbehalten. Aus der dritten Kutsche aber stieg jener Mann, der mein zukünftiger Zeichenlehrer sein sollte. Mein Atem stockte als ich sah, wie er sich schwerfällig, gestützt durch einen Diener, vom Tritt der Kutsche mehr hinab fallen ließ, als daß er stieg. Und noch als er längst auf festem Boden stand, schwankte sein übermäßiges, aber gleichwohl wohlgerundetes Bauchfett. Unwillkürlich lehnte ich mich bei seinem Anblick mit meinem eigenen Bauch ans Fensterbrett und stellte mir vor, daß er hinter mich treten, mich umarmen und küssen würde, während seine Bauchmasse schwer an meinem Rücken lastete. Erst später aber wurde mir klar, daß ich ihn von diesem ersten Moment an begehrte.
Für heute muß ich schließen, meine Liebe, alle Pralinen sind aufgegessen und der Portwein hat sein übriges getan, mich in jenen lustvollen Zustand zu versetzen, der Voraussetzung ist für ein üppiges, gediegenes Nachtmahl, ganz so wie es sich die Baronin von mir wünscht…
Ihnen auf ewig treu und schwesterlich verbunden,
Ihre Sophie
die Sie mit jeder Zeile von Ihrer Hand glücklich machen!
* * *
Vierter Brief: Caroline an Sophie, 9. April 1766
… dem ein Band aus Samt beigelegt ist.
Meine liebe Sophie,
welche Freude, schon so bald wieder von Ihnen zu hören! Sehr beruhigt war ich auch, als ich erfuhr, daß Ihre liebe Tante gegen unsere Korrespondenz nichts einzuwenden hat. Daß sich die Baronin von Zacherow so freundlich für uns verwendet hat und Sie derart verwöhnt – diese Schelmin! Wie ich sie kenne, würde sie nur zu gern erleben, wie unser Briefkontakt, der mir schon nach wenigen Schreiben Ihrerseits so lieb und teuer geworden ist, bei Ihnen wirklich unübersehbare Spuren hinterläßt. Doch habe ich durch Ihre letzten Zeilen bereits den Eindruck gewonnen, daß es keiner Ermutigung meinerseits bedarf, damit Sie sich weiterhin zur Freude der Baronin entwickeln, die eine Schwäche dafür hat, blühende junge Schönheiten um sich herum zu versammeln. Doch dafür darf ich die liebe von Zacherow schwerlich schelten, kann ich doch nicht verhehlen, wie sehr es mich erfreut hat, von der Entwicklung zu hören, die Sie im vergangenen Winter gemacht haben.
Wie froh bin ich, daß Sie mein offener Bericht über mein erstes Treffen mit dem Fürsten nicht schockiert hat, und nur zu gern will ich mehr von ihm erzählen – um so mehr, da Sie andeuteten, daß diese Schilderungen Ihre eigene Lust am Essen nur noch steigern. Darf ich nun, da ich weiß, daß Sie wahrlich eine von uns sind, mich auch jener offenen Sprache bedienen, die Freßlustige und Mastwillige untereinander anschlagen sollten? Sie kennen mein Büchlein, Sie wissen daher um die Sinneslust, die es mir bereitet, offene Worte zu benutzen und daher nicht in sittsamen Umschreibungen davon zu sprechen, dass ich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ausgesprochen angenehm übersatt bin und diesen sanften Druck im Magen fühle, der mir anzeigt, daß ich wieder einmal viel zu viel gegessen habe. Während ich Ihren Brief noch einmal las, überkam mich in der Tat so große Fresslust, daß ich nach meinem eigentlichen Frühstück die Küche anwies, mir Krapfen in viel Fett auszubacken und sie mir mit Sahne zu füllen. Eigentlich wollte ich nur einen oder zwei davon probieren, aber ich konnte nicht aufhören, bevor ich nicht so viel in mich hineingestopft hatte, daß ich mich wie eine Weihnachtsgans genudelt fühle. Ich werde mich erst später ankleiden, wenn ich mich nicht mehr ganz so schwer fühle wie jetzt – der Gedanke, meinen dick vorstehenden Bauch in einen Schnürleib pressen zu lassen, behagt mir im Augenblick schwerlich.
Doch ist es kein Wunder, daß mich ein derartiger Appetit gepackt hat, angesichts der Schilderung Ihrer Schlemmereien, Ihrer zunehmenden Trägheit und Ihrer immer weiter ausufernden Körperformen … des dicker, nein, fetter werdenden Bauches, der schwereren Brüste und der immer breiteren Hüften. Ist es nicht eine Lust, an sich selbst zu spüren, wie sich übermäßiges Essen und ein Mangel an Bewegung in Speckpolstern und Fettröllchen niederschlägt, die den eigenen Körper immer weiter dem wunderbaren Ideal zunehmender Schönheit entgegenbringen? Wie gut verstehe ich Ihre Gefühle angesichts des Dick- und Fettwerdens! Ich erinnere mich gut, wie glücklich ich mich fühlte, als mein früher einmal eher sanft gerundeter Bauch von einer so dicken Speckschicht überzogen war, dass sich oberhalb meiner Scham – verzeihen Sie mir die Offenheit! – eine Falte bildete, über die mein Fett nach unten zu sacken begann. Ich konnte den Blick kaum vom Spiegel abwenden, als ich das entdeckte, und ich aß in den darauffolgenden Tagen beinahe noch mehr als gewöhnlich, weil mich die Vorstellung, mein Dickwanst könne eines Tages bis auf die Schenkel hinunterhängen, so sehr in Erregung versetzte. Das liegt nun bereits einige Zeit zurück, und breit schiebt sich inzwischen die Speckrolle meines Unterbauchs im Sitzen über meinen Schoß, und ich spüre beim Aufstehen, wenn ich ungeschnürt bin, wie sehr mein Wanst der Schwerkraft gehorcht und sich senkt.
Ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie den wunderbaren Traum, den Sie mit unserem Fürsten hatten, mit mir teilten. Es ist, als hätten Sie ihn tatsächlich noch erlebt, seinen stattlichen Körper wirklich gesehen! Ich will glauben, daß er Ihnen leibhaftig im Traum erschienen ist, weil Sie wahrlich dieselbe Lust an der unbändigen Mast teilen, die auch ihn beherrschte.
Als ich ihm damals vorgestellt wurde, war er noch nicht so
schwer, daß ihm das Aufstehen unmöglich war, wenngleich er sich schon
damals nur ungern bewegte und sich für längere Wege gern in einer
Sänfte tragen ließ, die acht Träger benötigte, um sie anzuheben.
Aber ich vermute, er ahnte, wie sehr mich der Anblick seiner Massen in Bewegung
erfreuen würde; daher war er zu unserer ersten Begegnung auf der Freitreppe
erschienen und begleitete mich danach ins Haus. Ganz bewußt gönnte
er es mir dabei zuzusehen, wie er schwer atmend einige Stufen nahm. Sein enger
Rock konnte nicht verbergen, wie sich dabei die dicke Speckschicht auf seinem
Rücken mal auf der einen, mal auf der anderen Seite zusammenschob, und
ich gebe zu, daß mich in jenem Moment ein Schauer packte, der durch meinen
ganzen Körper lief. Als ich mich in den mir zugewiesenen Gemächern
vom Reisestaub befreite, zitterte ich noch, so sehr hatte mich dieser Anblick
berührt. Ich muss Ihnen nicht sagen, daß meine Suite mit den erlesensten
Naschereien dekoriert war, auf die ich mich – ausgehungert, wie ich nach
der Reise war – nur zu gern sofort gestürzt hätte. Doch ich
hoffte, den Fürsten mit meinem Appetit überraschen zu können
und brachte daher alle Selbstbeherrschung auf, zu der ich fähig bin, um
einstweilen keine dieser süßen Versuchungen zu verzehren.
Später am Abend bat er mich zu einem Diner in den Salon – das Billett,
das er mir schickte, sprach von einem „kleinen Imbiß“. Ein
Imbiß! Liebste Sophie, die Tische bogen sich unter den Köstlichkeiten,
die er hatte auffahren lassen. Herzhafte Braten, sahnige Saucen, gebuttertes
Gemüse türmten sich auf dem Tisch, und auf der Anrichte waren die
verschiedensten Süßspeisen serviert. Der einzige Bedienstete war
ein junger Bursche, der, wie mir der Fürst später verriet, den Vorzug
besaß, stumm zu sein und der daher sein vollstes Vertrauen genoß.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich, daß nur für zwei Personen
gedeckt war und wir daher offenbar allein sein würden. Der Duft der Speisen
benebelte meine Sinne, und da ich am Tage so wenig gegessen hatte, gestehe ich,
daß mich eine unglaubliche Gier auf all diese Köstlichkeiten packte.
Doch zunächst nahm mich mein Gastgeber ganz und gar gefangen. Als ich eintrat,
erhob er sich mit einer erregenden Schwerfälligkeit aus dem Sessel, dessen
Sitzfläche gut und gern für zwei Männer gewöhnlicher Statur
ausgereicht hätte. Er trat auf mich zu und neigte den Kopf: „Gern
würde ich mich vor Ihnen verbeugen, Madame, aber über die Jahre habe
ich mir eine solche Fülle zugelegt, daß mir das nicht mehr möglich
ist – ich hoffe, Sie verzeihen mir.“ Wie hätte ich das nicht
tun können! Ich sank – nach den Fressorgien der letzten Wochen ebenfalls
ein wenig schwerfällig und vermutlich auch mit leichtem Stöhnen –
in einen möglichst tiefen Knicks, aus dem er mir galant aufhalf, und ich
sah in seinem Blick, daß ihm meine Trägheit gleichfalls nicht entgangen
war.
Zu meiner Freude entdeckte ich nun, daß wir nicht wie sonst üblich
gegenüber von einander Platz nehmen sollten, sondern daß sein breiter
Sessel an der Längsseite des Tisches stand, während mir die Schmalseite
zugeteilt worden war. Das ermöglichte es mir, ihn im Profil zu sehen und
den wundervoll fett gefressenen Bauch, der sich enorm weit nach vorn wölbte,
in ganzer Schönheit zu betrachten. Er trug eine Brokatweste, die über
seinem Dickwanst spannte, und ich konnte kaum die Augen davon abwenden, wie
weit sich das Fett über seine massigen, breiten Schenkel schob, die er
leicht spreizte, um dem vielen Speck Platz zu schaffen. Sein Hals verschwand
beinahe gänzlich in seinem Doppelkinn, das von seinen fleischigen Wangen
gekrönt wurde, aber auch wenn sein stattliches Übergewicht seine Züge
etwas unscharf hatte werden lassen, so lenkte es doch weder von seinen vollen
Lippen noch von seinen scharfen grauen Augen ab. Er war ein Mann in den besten
Jahren, um einiges älter als ich, aber er wirkte alterslos. Sie haben es
sicherlich schon gemerkt, liebe Sophie – ich war ganz und gar in seinem
Bann.
Sein Diener begann nun, mir Speisen vorzulegen und er schenkte uns Wein in die
Kristallgläser vor uns. Mein Gastgeber hob sein Glas, prostete mir zu und
sagte dann mit leichtem Lächeln: „Tatsächlich finde ich Sie
so wohlgestalt, wie ich Sie mir vorgestellt habe, meine Liebe. Ich gebe dennoch
zu, daß Ihre Schönheit noch mehr gewinnen würde, wenn Sie die
hervorragenden Anlagen, die Sie zweifelsohne haben, weiter im Sinne Ihres Buches
pflegen würden.“ Und nach kurzem Zögern fügte er hinzu:
„Ich muss Ihnen nicht erst versichern, daß Sie unter Ihresgleichen
sind. In den letzten Jahren habe ich das gelebt, wovon Sie schreiben. Wenn es
um leibliche Genüsse geht, übe ich keinerlei Zurückhaltung; ich
gebe mich ganz und gar der Völlerei hin, wie Sie sehen können.“
Bei diesen Worten legte er sich beide Hände auf seine enorm dicke Wampe
und ließ den Speck erzittern. „Ich würde mich freuen, wenn
Sie in meiner Gegenwart ebenfalls jede Zurückhaltung fahren ließen.
Essen Sie, als wären Sie allein.“
Ich wollte etwas einwenden, unser Gespräch auf höfliche Konversation
zurückführen, aber er sah mich so durchdringend an, daß ich
es nicht vermochte. Der Bratenduft kitzelte meine Nase, und mir lief das Wasser
so undamenhaft im Munde zusammen, daß ich tatsächlich tat, was er
mich hieß. Ich aß. Ich schlemmte. Ich stopfte mich hemmungslos mit
all den Herrlichkeiten voll, die er hatte auffahren lassen, während er
ebenfalls mit gutem Appetit Wachteln, Krustenbraten, Pasteten, Hühnerbeine
oder Ragouts verschlang. Wir sahen einander zu, erst verstohlen, dann immer
offener, und als ich allmählich langsamer aß, weil mein voller Magen
mit Macht gegen meinen Schnürleib drückte, ließ er auch er das
Besteck sinken, um sich kurz zurückzulehnen und mit der linken über
seinen jetzt noch viel stärker gewölbten Bauch zu fahren. „Das
tut gut, Madame, nicht wahr?“, fragte er mit einem schweren Seufzer. „Sind
Sie gesättigt? Bitte sagen Sie, daß das noch nicht der Fall ist.
Es bereitet mir den größten Genuß, daß Ihnen meine Küche
so gut schmeckt. Sie haben in der Tat einen außergewöhnlichen Appetit.“
Während er mir Wein nachschenken ließ und erneut sein Glas hob, fuhr
er fort: „Haben Sie sich nicht gewundert, meine Liebe, daß mein
Schreiben Sie an einem so vortrefflich geeigneten Tag erreichte?“
Ich gab zu, daß mich das wirklich verblüfft hatte.
„Nun, dann ist es Zeit für ein Geständnis. Ich bin schon seit
einiger Zeit über das, was auf dem Gut von Bernaus geschieht, bestens im
Bilde. Seit ich Ihr Büchlein in die Hände bekam, habe ich mir die
Mühe gemacht, mehr über die schillernde Französin herauszufinden,
die es schrieb, und daher habe ich dafür gesorgt, daß Ihre Zofe Agnes
mir kleine Berichte über Sie zukommen ließ.“
Agnes! Dieses kleine Luder! Sie können sich vorstellen, liebe Sophie, daß
ich über die Niedertracht dieses undankbaren Geschöpfs sehr erzürnt
war. Der Fürst lächelte über meinen Zorn und gab jedoch zu bedenken,
daß es auch ihren Berichten zu verdanken gewesen war, daß ich mich
nun auf Barkenow befand: „Sie schilderte mir Ihre große Esslust
in den schillerndsten Farben, beschrieb Sie gar als unersättlich, und sie
ließ mich wissen, daß Sie – ich hoffe, Ihnen ist es nicht
unangenehm, daß ich Details dieser Art erfahren habe – daß
Sie in den vergangenen Monaten durch Ihre unmäßige Esslust drei Zoll
an Umfang zugenommen haben. Als ich das erfuhr, mußte ich Sie kennen lernen.“
Unwillkürlich fuhr ich mir mit der Hand über den Bauch. Es stimmte
natürlich; ich hatte dieselbe Erfahrung gemacht, von der auch Sie mir schrieben:
Agnes hatte immer längere Schnüre für meine Corsage verwenden
müssen, weil ich vom vielen Essen und meiner trägen Lebensweise immer
fetter geworden war.
„Man hat mir nun auch berichtet, welche Mengen Sie normalerweise verzehren“,
fuhr der Fürst fort, dessen Blick meiner Hand gefolgt war und nun auf meiner
Leibesmitte ruhte, die auch geschnürt nicht völlig verbarg, daß
ich kürzlich erst gewaltig zugenommen hatte. „Demzufolge vermute
ich, daß Sie sich nun doch zurücknehmen – sonst würden
Sie doch meine Süßspeisen nicht verschmähen.“
„Nein, Exzellenz“, gab ich zurück, „ich versichere Ihnen,
daß ich tatsächlich allmählich gesättigt bin.“
„Unsinn!“, gab er zurück. „Sie wollen mir sagen, daß
Sie den wonnevollen Zustand schon erreicht haben, in dem sich ein wahrer Gourmand
kurz vorm Platzen fühlt, wenn er sich den Wanst wirklich randvoll geschlagen
hat? Verzeihen Sie, meine liebe Caroline, wenn ich lediglich Ihr enges Kleid
dafür veranwortlich mache.“
Dem wusste ich nichts zu entgegnen – natürlich hatte er recht.
„Ich verstehe, wie Sie fühlen – auch mich beengt mein Rock.
Aber ich habe es in dieser Hinsicht einfacher als Sie – ich kann mich
seiner ganz leicht entledigen.“ Mit diesen Worten setzte er sich wieder
gerade auf, atmete tief ein und drückte seinen riesigen Wanst vor. Mir
wurde heiß und kalt, als ich sah, wie dick und fett er sich gefressen
hatte, und da mir von dem vielen Essen und der engen Schnürung ohnehin
ein wenig schwindlig war, dachte ich einen Augenblick lang, ich müsse ohnmächtig
werden. Wie in einem Rausch sah ich, wie sich die Knöpfe seiner Weste spannten,
der Stoff zog sich nach links und rechts und gab klaffende Löcher frei,
und mit einem scharfen Geräusch rissen zwei der Knöpfe ab –
Sophie, er hatte so unglaublich viel gegessen, daß er vor meinen Augen
aus seinen Kleidern platzte! In diesem Augenblick wurde mir zudem bewusst, daß
Mahlzeiten wie die heutige, so übermäßig fett und süß,
ihn noch dicker und feister werden lassen würden, und Hitze stieg in mir
auf. Es war ungehörig, es war völlig unschicklich, aber ich rief den
Bedienten zu mir und wies ihn an, meine Schnürung zu lösen. Welch
eine Erleichterung, als mein Bauch Platz bekam!
„Sie haben mir einen guten Teil Ihrer Selbst vorenthalten“, sagte
der Fürst anerkennend, als er nun sah, welchen Umfang ich ohne Corsage
hatte. „Sie sind, das darf ich Ihnen als großes Kompliment erklären,
für eine Dame der Gesellschaft in der Tat überaus dick.“
„Von Bernau macht mich darauf auch äußerst gern aufmerksam“,
erwiderte ich. „Allerdings meint er es dann nicht als Kompliment.“
„Von Bernau ist ein Narr.“ Auch dem konnte ich nicht wirklich widersprechen.
„Immerhin ein mir sehr ergebener Narr, was es ein wenig vereinfacht, daß
Sie und ich uns über Dinge austauschen können, die uns am Herzen liegen,
und von denen er nichts versteht.“ Auf einen Wink von ihm brachte mir
der Diener ein Stück Lübecker Marzipantorte – ein Traum von
einer Süßigkeit, ein leichter Biscuit, gefüllt mit einer Creme
aus fein gemahlenen Nüssen und Sahne sowie einer süßen Konfitüre
und überzogen mit einer dicken Schicht zartesten Marzipans. Sie schmeckte
so herrlich, daß ich unwillkürlich die Augen schloß.
„Sie Genießerin“, sagte der Fürst leise.
Ach, meine liebe Sophie, wieder habe ich mich ganz und gar hinreißen lassen, Ihnen von meinen Erlebnissen zu erzählen – es ist schon beinahe Mittag, und ich fühle, wie mich wieder der Appetit packt … ich werde gleich hinuntergehen und mit dem Gedanken an Sie aufs Neue schlemmen, aber damit Sie nicht zu lange auf meine Antwort warten müssen, werde ich es für heute genug sein lassen, was meine Begegnung mit dem Fürsten betrifft. Vielleicht hätte ich mich kürzer fassen sollen, aber diese Erinnerung ist mir so lieb und teuer, und nun, da ich eine verwandte Seele in Ihnen spüre, drängt mich alles danach, Ihnen auch die kleinsten Details anzuvertrauen, mit denen ich jede andere zu langweilen fürchten würde.
Aber bevor ich schließe, muss ich Ihnen sagen, wie gern ich mehr über jenen Zeichenlehrer erführe, von dem Sie in Ihrem letzten Briefe schrieben. Vermutlich würde die gute von Zacherow ihn kennen, aber es wird dauern, bis ich mich wieder mit ihr treffe – ein sehr bedauerlicher Umstand, denn, wie Sie sich denken können, würde ich sie auch nur zu gern nach Ihnen fragen, Sie von ihr beschreiben lassen, vom niedlichen Doppelkinn, das Sie vermutlich Ihr Eigen nennen, bis zu Ihren sicher wohl gerundeten Händen und der ausufernden Körpermitte, in der sich die Spuren eines bequemen Lebens mit überreichlichem Essen unweigerlich immer mehr festsetzen. Aber ich muss andererseits gestehen, daß ich unsere aufkeimende Freundschaft als etwas so Kostbares sehe, daß ich vermutlich der von Zacherow gar nicht so viel darüber anvertrauen möchte – dazu ist mir das, was wir bisher bereits miteinander teilen, zu intim. Sie erscheinen mir wie eine Seelenschwester, die mir der Himmel geschickt hat, um die herrlichen Gedanken über gemästete Bäuche und genußvolle Schlemmereien zu teilen. Ich kann nicht verhehlen, daß meine eignen Mastgelüste, die lange ein wenig geschlafen haben, wieder voll und ganz erwacht sind und ich unbändig danach verlange, mir den Bauch wieder unmäßig mit reichhaltigem Essen zu füllen und meinen Appetit nicht vom Fassungsvermögen meines Magens, sondern allein vom Kitzel meines Gaumens abhängig zu machen.
In diesem Brief finden Sie zudem ein samtenes Band, dessen Länge genau dem Umfang meiner Taille am heutigen Tag entspricht. Vielleicht ist es Ihnen ein Ansporn, wenn Sie es einmal um Ihre eigene Mitte legen mögen. Vielleicht trennt Sie und mich aber auch nicht mehr so viel – ich weiß es nicht, aber ich träume, liebe Sophie, ich träume.
Ihre unersättliche, ganz und gar ungehörige
Caroline.
* * *
Fünfter Brief: Sophie an Caroline, 13. April 1766
… in dem ein hochwohlgeborener Zeichenlehrer seine Arbeit aufnimmt und Sophie von verwirrenden Geheimnissen erfährt.
Meine theure, hochverehrte Freundin!
Welch Kleinod liegt in meinen Händen, welch ein Geschenk! Kaum muß ich Ihnen wohl schildern, mit welcher Erregung meines Herzens, mit welch aufsteigender Röte meiner runden Wangen ich Ihre Zeilen las, die mir auf so eindrucksvolle Weise Ihr köstliches Bild vor Augen führten. Wie schön Sie sein müssen, meine Liebe, wie üppig! Sollte ich je in die Gnade kommen, Sie sehen, Sie treffen zu dürfen, seien Sie gewiß, ich werde Sie unter allen Frauen am Hofe erkennen! Und ich darf Ihnen nicht sagen, in welch schwacher Stunde mich Ihre Erzählung der Begegnung mit dem Fürsten getroffen hat. Die Vorstellung Ihres aufgeschnürten Kleides hat mich seither nicht mehr verlassen…
Danken möchte ich Ihnen aber ebenso für Ihre Beschreibung des seligen Fürsten. Lang schon sehnte ich mich, mehr und genaueres über ihn zu erfahren und dank Ihrer Schilderungen habe ich ihn nun ganz vor Augen: Sein schwerer, schwankender Gang, sein mächtiger Bauch, seine liebenswürdige, aufrichtige Art sind mir nun so präsent, daß ich ihn mir als einen wahrhaft schönen und edlen Mann vorstellen muß. Und ich versichere Ihnen: Jede Frau im Fürstentume (und wohl auch einige im großen Paris?) wird es Ihnen, meine liebe Caroline, neiden, daß Sie ihn in einer so privaten Stunde genießen durften. Sehen Sie es daher als den vielleicht aufrichtigsten Beweis meiner Freundschaft, meiner Liebe zu Ihnen, daß ich Ihnen diese Stunden reinen Glücks nicht mißgönne, sondern mich herzlich mit Ihnen darüber freue. Nur um eins will ich bitten: Spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter, sondern erzählen mir ja Näheres von ihm und dem weiteren Verlauf Ihrer Begegnung!
Doch ich will nicht egoistisch sein! Statt undankbar Sie anzutreiben, will ich lieber selbst die Feder spitzen und Ihnen meinerseits eine freie Vormittagsstunden widmen, um Ihrer Bitte folge zu leisten und Ihnen mehr von jenem Zeichenlehrer zu berichten, dem ich Ihre Bekanntschaft letztlich zu verdanken habe. Doch muß ich Sie um Geduld und Nachsicht bitten: Ungeübt im Schreiben und in Unkenntnis der großen Welt, wird mir angesichts Ihrer brillanten Schilderungen bewußt, was für eine kleine Närrin ich doch war, als ich glaubte, Sie mit meinen Erfahrungen beeindrucken zu können - ich bitte Sie um Verzeihung, meine Liebe, und darum, daß Sie meine Versuche für die Tat, meine Mühen fürs Gelingen nehmen wollen.
- - Eben lasse ich mir ein Tellerchen dunkle Schokolade aufs Zimmer bringen, die auch heute ihren anregenden Einfluß nicht verfehlen wird und fahre so gestärkt dort fort, wo mein letzter Brief an Sie endete: Beim Anblick des fremden überaus stattlichen Mannes, der sich dort unten im Hof aus der Kutsche wälzte. Stellen Sie sich mein Entzücken vor, meine Liebe: Die Kutsche, obgleich ein robuster Zweispänner, schwankte beträchtlich, als er sie verließ. So schnell es meine eigene Behäbigkeit erlaubte, raffte ich meine Kleider und eilte die Treppen hinunter, um zu erfahren, wer dieser fremde Mann sei, ja, ich gestehe: Ihn zu sehen, zu sprechen, seine Aufmerksamkeit zu erwecken war mein Begehr.
Zunächst jedoch machte ich die persönliche Bekanntschaft der Baronin, von der mir meine Tante schon so vieles erzählt hatte und die Sie, wie ich zu meiner großen Freude höre, auch persönlich zu kennen scheinen. Noch ganz außer Atmen drückte mich die Baronin an ihren großen Busen, so daß ich förmlich in ihrem Fett versank und bei meinem hilflosen Versuch, ihre Umarmung zu erwidern, irgendwo oberhalb ihrer vollen Hüften im wellenförmigen Rückenspeck stecken blieb und mir nicht verhehlen konnte, wie sehr mir ihr Duft, ihr warmer, weicher Körper gefiel. Zunächst erschrak ich über die Beobachtung, daß mich bei der Berührung einer Frau ein so wohliges Gefühl überkam, doch schob ich es darauf, daß das ungewohnt eilige Laufen meine Sinne erhitzt hatte und meine Phantasie durch den Anblick des Fremden beflügelt worden war.
Auch ich schien der Baronin sympathisch. Noch ehe sie sich gesetzt, schenkte sie mir ihr seidenes Tuch, so daß nun ihr beeindruckendes Décolleté frei vor ihr stand, oder besser gesagt, von ihrem mächtigen Bauch in beachtlicher Höhe gehalten wurde. Ihre Freundlichkeit, ihre Schönheit entschädigten mich schnell dafür, daß der italienische Graf, denn als solcher wurde er mir vorgestellt, mich keines Blickes würdigte, während ich seine stattliche Erscheinung ebenso genau wie verstohlen betrachtete: Seinen breite Brust über prächtig hängendem Bauchfett, sein ebenfalls hängendes Kinn, sein rundes, mit einem gepflegten kurzen Bart gesäumtes Gesicht, sein geheimnisvoller Blick und jede Schwingung, in die sein tiefes Lachen seinen massigen Körper immer aufs neue versetzte. Er schien selbst zum ersten Mal in diesem Haus zu sein, war überaus höflich, dabei zurückhaltend und insbesondere meiner Tante gegenüber ehrerbietig, doch schien er nicht frei. Immer um die Bequemlichkeit der Baronin bemüht, war sie es, die nicht nur seine Augen, sondern auch sein Herz gefangen hielt. Jede ihrer raschen Bewegungen brachte ihr Fett in Wallung und mit jeder Drehung ihres erstaunlich wendigen Körpers, bot sich ein neues Bild übereinandergeschobener Speckmassen an Hüfte und Bauch. Es war, als würde sich der Graf mit allen Sinnen dieser Bilder ergeben, als schlürfe er beim Anblick der Baronin sein Lebenselixier. Doch auch von Zacherow selbst schien ganz im Bann ihres Bewunderers. Mit schmerzlichen Gefühlen sah ich ihrem Spiel versteckter Andeutungen und triumphierender Gesten zu, widerwillig vernahm ich in ihren Stimmen die Vibrationen vorfreudiger Erregung. Ein Anflug von Eifersucht überkam mich und verdarb mir die Lust.
Zum Glück wurde ich alsbald aus meinen trübsinnigen und (gerade was meine zunehmende Bewunderung für die Baronin anbetraf) doch recht irritierenden Gedanken gerissen, denn kaum war die erste Begrüßung vorüber, wurde bereits aufgetragen. Und ich versichere Ihnen, liebste Caroline, schwerlich wurden wohl in deutschen Landen je so viele italienische Köstlichkeiten, soviel Pasta und Öl, soviel fette, scharfe Wurst und schwerer fruchtbeladener Kuchen innerhalb zweier Stunden an einer einzigen Tafel verzehrt.
Das Mädchen, das mir nach dem ausschweifenden Mittagsmahl
aus den Kleidern half, versäumte es nicht, mir mit aufgeregter Stimme und
roten Wangen zu berichten, was sie in der Zwischenzeit vom Kutscher erfahren
hatte. Ja, Il Conte Barolo sei der Geliebte der Baronin; als enger Jugendfreund
des Fürsten sei seine Reise nach Deutschland in geheimer Mission längst
geplant gewesen, als er überrascht worden sei von der Todesnachricht seines
„Leibesbruders im Geiste“ - so hätte er ihn genannt, genau
so! rief das Mädchen, erschrak und fuhr flüsternd fort, als fürchtete
sie, uns könne jemand belauschen. Mit der Baronin hätte Il Conte schon
lange Briefe gewechselt, ohne daß sie sich je persönlich begegnet
wären. Da er aber erfahren, wie untröstlich sie über den Tod
des Fürsten gewesen, hätte er sie kurzerhand auf seine Güter
im Piemont eingeladen. Dort hätten sich Graf und Baronin, wie mein Mädchen
ebenso leise wie spöttisch hinzufügte, wohl gegenseitig über
den Tod des Fürsten getröstet!
Noch bevor ich sie für ihr loses Mundwerk schelten konnte, war sie mit
einem Satz zur Tür hinaus. Nachdenklich und übersatt setzte ich mich
auf mein Bett und versuchte die Zusammenhänge dessen zu überdenken,
was ich soeben vernommen. Welche Bedeutung hatte jene Bruderschaft, die anscheinend
zwischen dem Fürsten und dem Conte Barolo bestanden? Weshalb sollte der
Graf eine Reise „in geheimer Mission“ unternehmen? Und welche Rolle
spielte die Gräfin?
Doch konnte ich zu keinem klaren Gedanken kommen. Es schien, als hätte mein Bauch die Herrschaft übernommen, der mir befahl mich hinzulegen und dem Magen so jenen Platz zu schaffen, den ich ihm im Sitzen nicht mehr geben konnte. Zu bequem, die Decken aufzuschlagen, ließ ich mich einfach schräg nach hinten sinken, so daß ich nur noch meine dicken, leicht geschwollenen Füße ins Bett zu heben hatte. Mit beiden Händen fuhr ich sanft und kreisförmig über meinen Bauch und versuchte so, meinem Magen ein wenig Erleichterung zu verschaffen. Während mir langsam die Augen zufielen, wurden mir all jene eben noch so dringenden Fragen unsinnig. Unwillkürlich schoben sich Bilder vor meine Seele, denen ich nachgab, noch ohne es zu merken. Plötzlich war ich selbst die Baronin und lag in meinem herrlichen ausladenden Fett auf seidenen Tüchern. Noch bevor sich leise die Tür zu meinem Schlafgemach öffnete, erzitterte bereits der Boden vom schweren Schritt, der die Ankunft des Grafen verriet. Kaum konnte ich erwarten, bis er - keuchend vor Anstrengung und Lust - mit seinem massigen Körper über mich kam, um mich unter sich zu begraben. So schlief ich ein und schäme mich noch dem wilden Verlangen meiner Einbildungskraft, das mich auch im Traume nicht verließ.
Als ich erwachte, war es dunkel geworden. Mühsam wandte ich mich auf und fühlte mich elend. Das viele ungewohnte Öl lag noch immer schwer in meinem Magen und verursachte mir eine leichte Übelkeit, während meine Finger ohne mein Wissen nach den gebrannten Mandeln griffen, die auf dem Tischchen neben dem Bett lagen. Sie schmeckten köstlich, aber ich konnte mich ihrer nicht freuen, meine Vernunft sagte mir, daß ich mich der Todsünde der Völlerei nicht ergeben dürfte, wenn ich nicht so enden wollte wie der Graf und die Baronin. Doch während ich mich mit solchen und ähnlichen Sätzen zu motivieren versuchte, mit dem übermäßigen Essen aufzuhören, verschlang ich die ganze Mandel-Portion und bekam Appetit auf mehr, auf viel mehr. Ich beschloß, mit meinem guten Vorsatz erst am nächsten Morgen zu beginnen und das anstehende Abendmahl noch einmal richtig auszukosten. Und heimlich, ganz heimlich fragte ich mich, ob ich nicht auch so prächtig fett werden wollte wie die Baronin, wenn ich dafür einen Liebhaber bekäme wie den Grafen Barolo.
(19. April 1966)
Bis zu diesem Punkt war ich in meiner Erzählung vom Ankunftstag der Baronin und des Grafen gekommen, beste Freundin, als mir meine Tante ganz unerwartet mitteilte, daß sie gedenke mit mir für einige Tage aufs Land zu fahren, was wir unverzüglich taten. Eben erst komme ich zurück und bin untröstlich, daß ich Ihnen in der Zwischenzeit nicht einmal ein Billet zukommen lassen konnte. Aber meine Tante bewachte unterwegs jeden meiner Schritte und ich wollte nicht das Risiko eingehen, unsere mir so überaus wertvolle und gleichermaßen offene Korrespondenz zu gefährden. Für heute möchte ich daher nur meinen Gruß hinzusetzen, um Ihnen meine Zeilen möglichst schnell zukommen lassen. Allerdings möchte ich Ihnen doch noch eines mitteilen, was mir gerade vor dem Hintergrund jenes kulinarisch eher kärglichen Aufenthalts auf dem Lande von einiger Bedeutung scheint. Erzählen will ich Ihnen noch rasch von einem Gespräch, dessen Zeugin ich am Abend jenes Ankunftstages wurde. Noch habe ich bisher mit niemandem darüber gesprochen, doch will es mir nicht aus dem Kopf, gerade weil ich mir über den geheimen Sinn, über die Zusammenhänge noch immer nicht klar werden kann:
Als ich meine Zimmertür öffnete, war alles still.
Das obere Geschoß des Hauses lag im Dunkeln. Erwartungsvoll horchte ich,
ob ich den tiefen durchdringenden Baß des Grafen nicht hören würde,
und wirklich schien es, als kämen Stimmen aus dem Salon. Mein Herz pochte,
ob vor Aufregung oder Anstrengung, da ich mich mühte die alte Holztreppe
ohne Geräusch hinunterzusteigen, was, wie Sie sich denken können,
selbst schon bei meiner Gewichtsklasse eine Herausforderung darstellt. Um jeden
Preis wollte ich unentdeckt bleiben, um mehr über den geheimnisvollen Auftrag
des Grafen zu erfahren.
Doch welche Enttäuschung, als es mir endlich gelungen war, mich der offenen
Salontür unbemerkt soweit zu nähern, daß ich die Stimmen deutlich
unterscheiden konnte. Nicht der Graf war es, der sprach, statt dessen hörte
ich meine Tante und die Baronin im lebhaften Wortwechsel. Als ich eben im Begriff
war meine Anwesenheit räuspernd zu erkennen zu geben, rief die Baronin
empört:
„Aber Luise, das können Sie unserer Sache doch nicht antun. Es mag ja sein, daß die Fürstin nicht auf unserer Seite steht, und vielleicht stimmen sogar Ihre Quellen, und sie hat sich wirklich mit der Kirche gegen uns verbündet, aber vergessen Sie nicht: Der Fürst hat einen Sohn, er wird sich zu uns bekennen, da bin ich mir sicher, lassen Sie ihn nur erst einen Mann werden, heiraten, die Macht ergreifen. Barolo -“
„Ach, Barolo, Barolo“, fiel ihr meine Tante, ganz gegen ihr Temperament, aufgebracht ins Wort, „welche Macht kann der Graf haben, jetzt, wo der Fürst nicht mehr ist? Nein, es ist mir zu riskant. Sie wissen, wie ich Sie schätze, meine liebe Agathe, unsere Freundschaft hat seit Jahrzehnten Bestand, und ich unterstütze Ihre Sache, soweit ich kann. Ja, ich habe mich selbst gemästet, obwohl Sie wissen, daß mir der Wunsch danach nicht wie Ihnen und Ihren Freunden in die Wiege gelegt wurde. Aber unter den jetzigen Umständen kann ich Ihnen das Kind nicht lassen! Meine Schwester hat mir Sophie anvertraut, in der Hoffnung, ich möge dafür sorgen, daß sie am Hofe eine gute Partie macht – Sie wissen, mein Schwager ist ein ehrlicher Mann eines ehrenvollen aber leider verarmten Geschlechts. Meine Schwester verläßt sich auf mich; was, wenn die Fürstin an der Macht bleibt?“
Ich hielt den Atem an, kein Zweifel, meine Tante sprach von mir, von meinen Eltern. Daß sie mich verheiraten wollten, wußte ich, aber wieso hing dies plötzlich von der Frage ab, ob die Fürstin regierte oder ihr Sohn?
„So beruhigen Sie sich doch, meine Liebe“, setzte die Baronin nach einer kurzen Pause des Schweigens wieder ein, „ich versichere Ihnen, die Fürstin wird nicht an der Macht bleiben. Und der junge Fürst kommt ganz nach seinem Vater. Aber wir müssen gerüstet sein, wir können nicht warten, bis er die Regierung übernommen hat. Dann ist es für Sophie zu spät, oder glauben Sie ernsthaft, sie ist das einzige junge Mädchen, das auf ihre Chance bei Hof hofft? Wenn Sophie bis dahin nicht etwas für ihre Figur tut, wird auch Ihr Einfluß, liebe Luise, nicht helfen“.
Ich erstarrte. War das der Grund, weshalb die Baronin so ernst mit meiner Tante sprach: War ich bereits so dick, unförmlich, häßlich geworden, daß die weltgewandte Baronin befürchtete, kein Mann am Hofe würde sich mehr für mich interessieren? Mir schossen die Tränen in die Augen und unwillkürlich verriet mich ein tiefer Seufzer aus meiner Brust.
„Aber mein liebes Kind“, hörte ich die Baronin nun rufen, „was ist Ihnen, kommen Sie doch zu uns, eben sagte ich Ihrer Tante, was für eine hübsche Nichte sie doch hat, aus der sicher einmal eine wunderschöne Frau wird.“ Zögernd trat ich in den Raum und näherte mich nur widerwillig dem Sofa, auf welchem es sich die Baronin halb liegend bequem gemacht hatte. Bei jedem Schritt wurde mir nun mein watschelnder Gang bewußt, den ich mir in den letzten Wochen angewöhnt hatte, um das Aneinanderreiben meiner fetten Schenkel zu verringern und meine dem Körpergefühl noch ungewohnten Massen im Gleichgewicht zu halten. Vor einem Tisch, der mit orientalischen Süßigkeiten bedeckt war, blieb ich stehen und getraute mich nicht, den Blick zu heben.
„Kindchen, Kindchen, was ist das für eine traurige Miene am Tag meiner Ankunft, ich muß ja meinen, Sie sind meinetwegen so betrübt.“ – „Aber nein, liebe Baronin“, entgegnete ich mit leiser Stimme, aber vor Wut und Scham zitternd, „es ist nur“, doch da brach eine Tränenflut aus mir heraus, der ich – sosehr ich mich auch bemühte – nicht Herrin zu werden vermochte. Der Zwiespalt zwischen den kritischen Worten, die die Baronin in meiner vermeintlichen Abwesenheit geäußert hatte und ihrer jetzigen freundlichen, ja liebevollen Stimme, wollte mich zerreißen. Plötzlich sah ich wie durch einen Schleier, daß sie sich etwas aufrichtete und mir ihren dicken, weißen, goldbehangenen Arm entgegenstreckte: „Aber kommen Sie, kommen Sie, essen Sie erst einmal etwas, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus und Sie erzählen mir später in aller Ruhe, was Sie auf Ihrem Herzchen haben.“
Völlig verwirrt ließ ich mich von ihr neben sie aufs Sofa ziehen, so nah, daß ich ihr weiches, vom dünnen Stoff ihres leichten Kleides ungebändigtes Fett an meinen Hüften, Schenkeln, ja selbst an meiner Seite spürte. Eigenhändig nahm sie kleine Stücke des honigtropfenden Gebäckes, das in einer tiefen Schale vor ihr lag, und begann mich zu füttern. Da wurde mir so wohlig, daß ich die Augen schloß, um mich ganz der Süße des Geschmacks und der Zärtlichkeit, Fürsorglichkeit und dem Duft der Baronin hinzugeben. Zum ersten Mal, seit ich mein Elternhaus verlassen, fühlte ich mich geborgen.
Lassen Sie mich hier schließen, liebste Caroline, im Wohlgefühl dieser Erinnerung, die ich in meinem Herzen trage. Sie wissen wahrscheinlich längst, daß die Baronin von Zacherow nicht daran interessiert ist, jemanden in ihrer Umgebung zu einer schlanken Schönheit zu machen, auch wenn ich mir über ihre weiteren Pläne nach wie vor im Unklaren bin. Alles, was ich weiß, ist, daß die Baronin und der Graf seit jenem Tag für mich sorgen, wo sie nur können, zunehmend allerdings gegen den Willen der Tante. Insofern war es zu erwarten, daß meine Tante die Abwesenheit der Baronin, die mit Barolo zur Kur aufgebrochen ist, zu einer vorösterlichen Fastenzeit nutzte. Eine Zeit, die mir, leider muß ich es Ihnen gestehen, etliche Pfunde geraubt zu haben scheint. Dies jedenfalls verrät mir Ihr samtenes Maßband, das ich wie eine Reliquie behandele, und mir nur sonntags ebenso vorsichtig wie zärtlich zum Ansporn um meine Hüften lege. Von der Schönheit Ihrer Maßen habe ich mich leider in den letzten zwei Wochen eher entfernt, als daß ich mich, wie ich doch wünsche, mich Ihnen nähere.
Für heute muß ich schließen, doch schließe ich in der tröstlichen Zuversicht, daß Sie meiner nicht vergessen und in Liebe gedenken, wie ich Ihrer!
In unverbrüchlicher Freundschaft,
Ihre Sophie, die darauf hofft, nächstens mehr Zeit zu finden, Ihnen endlich von den Umständen der Entdeckung Ihres Büchleins Bericht erstatten zu können.
* * *
Sechster Brief: Caroline
an Sophie im Mai 1766
- Intermezzo -
Meine liebe Sophie,
es ist beschämend, daß ich Ihnen auf Ihren so wundervollen und ausführlichen Brief so lange eine Antwort schuldig geblieben bin. Zusammen mit Ihrem Schreiben erreichte mich eine Notiz, die mich in einer familiären Angelegenheit zurück nach Paris befahl, wobei ich erwartete, nach Erledigung einiger Formalitäten wieder nach Bernau zurückkehren zu können. Nun aber werde ich für einige Wochen zurück in meine schottische Heimat reisen müssen, und so wenig mir der Gedanke an eine anstrengende Reise in ein Land, das ich vor über zwanzig Jahren auf, wie ich dachte, immer verließ, jetzt gefällt, so gehe ich doch im Auftrag seiner Hoheit Charles Edward Stewart, dem man noch immer das Recht vorenthält, in jenes Land zurückzukehren, das rechtmäßig seiner Regentschaft unterstünde, und bin stolz, in seiner Sache tätig werden zu dürfen.
Ihre Briefe trage ich bei mir und lese sie oft; Sie sind mir in den letzten Wochen so sehr ans Herz gewachsen! Liebe Sophie, ich hoffe, zum Sommer von meiner Mission zurückzusein, ohne auf den schlechten Straßen und den unkomfortablen Schiffen auf dem Weg nach Edinburgh zu viel von meiner Fülle zu verlieren. Vielleicht wird Ihnen die liebe von Zacherow in meiner Abwesenheit auch schon einige der Fragen beantworten, die Sie sich in Ihrem Brief gestellt haben. Behalten Sie Ihren guten Appetit und genießen Sie die schönen Frühlingstage!
Ich umarme Sie inniglich und bleibe Ihre treue
Caroline
* * *
Siebter Brief: Caroline an Sophie, 27. Juni 1766
… in dem von einer Affaire auf Französisch die Rede ist.
Meine liebe Sophie, teuerste Freundin!
Viel zu lange habe ich Sie auf Nachricht von mir warten lassen, aber ich versichere Ihnen, in Gedanken war ich in den letzten Wochen viele Male bei Ihnen! Ihr letzter Brief, in dem Sie von der Baronin und von Barolo schrieben, ging mir doch immer wieder im Kopfe herum – nicht wegen dieser beiden, über deren Mission ich Ihnen leider nicht mehr sagen kann, als Ihnen die Baronin selbst vielleicht bald anvertrauen mag. Nein, teure Freundin, meine Gedanken kehrten höchst unschicklich, ich gestehe es, immer wieder zu einer Sache zurück – wie Sie nach dem üppigen Essen zurückgesunken auf dem Bett Ihren runden Leib massierten und sich in die fette Gestalt unserer lieben von Zacherow hineinträumten. Ein ums andere Mal, wenn ich selbst nach einer der häufigen Mastmahlzeiten der letzten Zeit – dazu gleich mehr – abends übersatt und dick gefüttert auf meinem eigenen Bett lag und mir den immer dicker werdenden Bauch rieb, dachte ich daran, ob Sie wohl weiterhin dem guten Leben frönen und von den Leckereien, die Ihnen Ihre Tante und vielleicht auch die Baronin weiter zukommen lassen, dicker und fetter geworden sind, als Sie es noch vor zwei Monaten waren, als Sie bereits jene köstliche Trägheit verspürten, die mit der zunehmenden Leibesfülle einhergeht?
Gern würde ich heute die Schilderung meiner Begegnung mit dem Fürsten fortführen, die ich Ihnen in meinem letzten Schreiben versprach. Aber im Augenblick sind mir die Ereignisse der letzten Zeit, meiner Reise nach Paris, noch so nahe, dass ich – Ihre gütige Erlaubnis voraussetzend – zunächst ein wenig von meinen jüngsten Erlebnissen berichten will. Wie ich Ihnen bereits schrieb, schickte mich mein Lehnsherr in einer delikaten Mission in meine schottische Heimat zurück, und die Einzelheiten dieser anstrengenden und insgesamt zwar erfolgreichen, aber nicht unbedingt erfreulichen Reise will ich Ihnen ersparen. Es ist ein rückständiges, wildes Land, in dem es wenig von jenen Annehmlichkeiten gibt, die ich mittlerweile doch so sehr schätzen gelernt habe. Ich war froh, als ich nach zwei rauhen Überfahrten über die Nordsee und durch den englischen Kanal wieder in Rouen anlangte und eine einigermaßen bequeme Kutsche nach Paris nehmen konnte.
Bei meinem kurzen Aufenthalt vor meiner Abreise hatte ich keine Gelegenheit gehabt, Freunde und Verwandte dort zu besuchen, aber nachdem ich seiner Hoheit Bericht erstattet hatte, war ich frei, mich ganz den alt vertrauten Gesichtern zu widmen. Viele der Unseren sind inzwischen in alle Winde verstreut, bei fremden Fürsten in Dienst gegangen, in entlegenene Städte verheiratet, aber meine einstmals beste Freundin Anais, mit der zusammen ich aufwuchs und auch einige Jahre im Kloster erzogen wurde, weilt noch immer in Paris. Sie ist zudem in einer ganz ähnlichen Lage wie ich; seit ihr Gatte vor über zwei Jahren verstarb und sie in sehr geordneten Verhältnissen zurückließ, unterhält sie einen kleinen Salon, dessen Besucher größtenteils auch jener Lebensart verpflichtet sind, der Sie und ich so zugetan sind.
Anais und ich hatten uns seit beinahe vier Jahren nicht mehr gesehen, Sie können sich unsere Freude vorstellen, uns endlich wieder in den Armen zu liegen! Noch dazu, wenn ich Ihnen sage, dass Anais inzwischen die weichsten Arme hat, die Sie sich vorstellen können. Die letzten Jahre reinen Wohllebens haben Wunder an ihr getan, und sie ist – ich kann es nicht anders sagen – herrlich fett geworden. Als ich sie umarmte, hatte ich Mühe, meine Hände hinter ihr zu schließen, und ich war äußerst überrascht, als ich dabei merkte, daß sie nicht geschnürt war. Wie sie mir sagte, ließ sie sich von ihrer Schneiderin Kleider von skandalösem Schnitt machen, die nur unter der Brust gerafft werden und dann in einem weiten Rock zu Boden fallen – die auch dem üppigsten Speckwanst Platz lassen, sich richtig auszubreiten, selbst nach einem überaus reichhaltigen Essen.
Ach Sophie, wie herrlich waren die drei Wochen, die ich bei ihr verbrachte! Meine gute Anais kleidete mich nach derselben Mode ein, damit wir beide nach Herzenslust schlemmen konnten, und ich gestehe, dass ich die ganzen drei Wochen über nichts anderes tat als essen, schlemmen, genießen … über jedes Maß hinaus. Die frivole Stimmung in Paris ist so anders als die der, verzeihen Sie mir, teilweise doch engstirnigen kleinen deutschen Fürstenhöfe. Vielleicht war es das, weshalb ich meiner Esslust wieder so ungezügelt nachgab wie schon lange nicht mehr, vielleicht lag es an den Entbehrungen der schottischen Reise (bei der ich einiges an Gewicht verloren hatte, wie ich glaube) vielleicht an Anais’ Gesellschaft und ihrer stetigen Ermutigung. Nun, wir ermutigten uns gegenseitig und erinnerten uns daran, wie wir als Klosterschülerinnen bereits heimlich in die Speisekammern eingebrochen waren und uns über Wochen mit Leckereien voll stopften und beide für die guten Schwestern unerklärlich in kurzer Zeit plötzlich recht rundlich wurden.
Aber wie sehr haben wir uns beide inzwischen von den rundlichen Mädchen entwickelt, die wir einmal waren! Anais, deren Haus ganz der Lust an wachsendem Fett gewidmet ist, hat sich sogar eine Waage einrichten lassen und protokolliert ihr Gewicht. Das letzte Mal, daß ich gewogen worden bin, war während meines Besuchs beim Fürsten, der inzwischen ja nun schon weit über ein Jahr zurückliegt. Nun, damals wog ich, als ich von ihm Abschied nahm, stolze zweihundertsechsunddreißig Pfund. Natürlich wusste ich, daß ich seitdem weiter geschlemmt habe und Agnes oft genug die Schnüre meiner Corsagen erweitern musste, aber ich hatte keine rechte Vorstellung davon, wie viel ich inzwischen wiegen mochte. Anais machte eine richtiggehende Zeremonie daraus, indem sie das Boudoir mit der Waage nur mit Kerzenlicht erhellte, für aufregende orientalische Düfte sorgte und so sehr einheizte, daß es nicht unangenehm war, sich ganz und gar der Kleider zu entledigen. Ich zitterte dennoch, aber eher vor Anspannung, als sie noch ein Pfundsgewicht und noch eines auf die Waage bringen musste und schließlich zweihundertzweiundsiebzig Pfund für mich ermittelte.
Liebe Sophie, Sie haben mir in Ihrem letzten Brief anvertraut, welch eigentümliches Wohlbehagen Sie bei der Umarmung der Baronin empfanden. Daher denke ich, daß ich Ihnen gegenüber aufrichtig sein und Ihnen anvertrauen kann, daß Anais und ich mehr als nur die Zuneigung guter Freundinnen für einander fühlten, wie wir beide unbekleidet einander gegenüberstanden und die vielen Spiegel unsere runden Formen, die vorstehenden Dickwänste, die Fettrollen unseres Rückenspecks, die massigen Schenkel und Oberarme und die üppigen Brüste endlos zurückwarfen. Anais, so erfuhr ich an jenem Abend, wiegt – oder wog an jenem Tag – dreihundertzwanzig Pfund und nennt den dekadentesten, hübschesten und ausuferndsten Bauch ihr eigen, den sie den ganzen Tag über mit einem ständigen Strom schwerer, süßer, fetter Leckereien unaufhörlich weiter mästet. „Liebste Caro“, sagte sie zu mir, als ich mich entkleidet hatte, „du bist so schön fett geworden, und dennoch, sieh dir meine Massen an! Es verlockt mich so sehr, dich zu füttern und dafür zu sorgen, dass sich dein Bauch zu einem mächtigen Hängewanst entwickelt, deine Schenkel immer mehr aneinanderreiben und dein hübsches Derriere noch ausladender und breiter wird!“ Ich musste natürlich lächeln, und ich denke, auch Sie werden die Zeilen wiedererkannt haben, die aus meinem eigenen Bändchen stammen. Anais sah es jedenfalls als einen Frevel an, daß die Autorin dieser Ode an die Fettleibigkeit sie an Umfang nicht übertraf und begann an jenem Abend, mich wie eine Weihnachtsgans zu mästen.
Sie ließ eine Fülle von Köstlichkeiten in ihrem Boudoir servieren, und schon bald räkelten wir uns auf dem Bett, schoben uns Pasteten in den Mund, knabberten an fettriefendem Wachtelbraten, futterten Unmengen süßer Kuchen und stellten fest, daß wir beide einen sehr guten Appetit haben, der sicher den anderer Frauen bei weitem übersteigt. Als wir schließlich überaus gesättigt waren und ich, ganz ähnlich, wie Sie es beschrieben, schwer atmend auf dem Rücken lag und fühlte, wie mein dicker Körper schwer in die Kissen sank, begann Anais, meinen dicken Bauch zu reiben, damit, wie sie sagte, wieder ein wenig Platz für die Cremes sein würde, die noch auf uns warteten. Sie strich mit beiden Händen über mein Fett, grub ihre Finger in das überschüssige Fleisch, das ich durch das viele überreichliche Essen angesetzt habe, brachte meinen Bauch zum Schwingen und versetzte mich derart in Lust, daß ich eine ganze Weile nicht ans Essen dachte, sondern mich nur ihren Händen hingab.
Später dann verspürte ich jedoch wieder großen Appetit … und aß, bis mir fast schwindlig wurde. Aber nach einer kurzen Ruhepause war es dann an mir, Anais’ mächtigen Wanst zu erkunden, der selbst, wenn sie auf dem Rücken lag, noch wie ein kleiner Berg neben mir aufragte. Ihr Fleisch war so weich, wie ich es noch nie gefühlt habe. Der Fürst – Gott habe ihn selig und vergebe mir den unschicklichen Vergleich – hatte einen weitaus massigeren und viel fetteren Bauch, aber sein Speck war fester, während Anais sich so weich anfühlte wie die Creme, die wir genossen hatten. Sobald sie sich ein wenig bewegte, formte sich ihr Fett zu kleinen Fältchen, mal hier, mal dort, schwabbelte entzückend und war so nachgiebig, daß meine neugierigen Hände es geradezu in jede Form drücken konnten. Ich ließ sie von den vielen Essgelagen der Vergangenheit erzählen, ließ sie berichten, wie sie sich langsam immer dicker gegessen hatte, wie sie aus einem Kleid nach dem anderen herausgeplatzt war und wie sie die Lust daran entdeckt hatte, die das Entdecken neuer Pfunde mit sich bringt. Diese Unterhaltung erhitzte uns beide sehr, und schließlich liebten wir uns, wie wir es auch in der Klosterschule schon getan hatten.
Aber wie anders war das nun, wie viel intensiver, herrlicher und schöner, wo wir beide so viel dicker waren! Wir keuchten und schnauften, und ich glaube, wir beide übertrieben es ein wenig damit, weil wir wussten, daß der anderen der Gedanke gefiel, man könnte beinahe zu faul geworden sein, um sich zu bewegen, und auch zu voll gegessen. Zwischendurch aßen wir allerdings auch immer wieder und hielten unsere Mägen konstant prall gefüllt, bis wir schließlich ermattet und völlig überfressen einschliefen.
So verbrachten wir beinahe die gesamten drei Wochen – wir aßen und liebten uns. Das Bett verließen wir nur selten, und so merkte ich zum ersten Mal, als der Tag meiner Abreise näher rückte, dass ich durch die ausgedehnte Schlemmerzeit ohne Bewegung wirklich so träge geworden war, wie ich Anais am ersten Abend hatte glauben lassen. Inzwischen keuchte ich wirklich, wenn ich vom Bett aufstand, und ich merkte, daß mein Bauch viel schwerer auf meine Schenkel sackte, was angesichts der zügellosen Völlerei nicht weiter verwunderlich war.
Anais hatte zwar angedeutet, ein solches Leben gewöhnt zu sein, aber ihr war anzusehen, wie sehr sie in den drei Wochen zugenommen hatte, schon allein durch die kleinen roten Äderchen auf ihrem Bauch, die anzeigten, wie sehr er sich hatte dehnen müssen. Am letzten Tag wogen wir uns erneut, und ich will Ihnen das Ergebnis der vielen Masttage nicht vorenthalten: Bei meiner Abreise aus Paris vor zwei Wochen wog ich zweihundertvierundachtzig Pfund, und ich denke, dass ich dieses Mal durch die Reise nichts verloren habe. Es bereitete mir große Schwierigkeiten, in die Kleider hineinzuschlüpfen, die ich drei Wochen zuvor zum letzten Mal getragen hatte, und nur mit Mühe fand ich eines, das mir noch passte und das ich während der ganzen Reise trug, obwohl es mich in meine Hüften zwickte.
Inzwischen habe ich von meiner Schneiderin neu Maß nehmen lassen und auch hier festgestellt, dass die letzten Wochen wahrlich fruchtbar waren. Würde ich Ihnen nun das Samtband schicken, so wäre es zwei Zoll länger.
Aber ich erzähle und erzähle von mir, ohne nach Ihren Erlebnissen zu fragen. Dabei brenne ich darauf zu erfahren, ob Barolo und die Baronin inzwischen wieder einmal ihre Aufwartung gemacht haben, und ob die Fastenzeit, zu der Ihre fürsorgliche Tante Sie genötigt hat, inzwischen wieder zu Ende gegangen ist.
Hier ist noch so vieles zu regeln, das seit meiner Reise unerledigt geblieben ist, daher muß ich für heute schließen. Ich hoffe, mein Brief findet Sie bei guter Gesundheit und bei gutem Appetit und hat Sie mit meinen offenherzigen Worten nicht schockiert.
Es verbleibt mit den innigsten Grüßen
Ihre Caroline
* * *
Achter Brief: Caroline an Sophie, 6. August 1766
… in dem bei einer Gesellschaft die politische Seite der Üppigkeit zum Tragen kommt.
Liebste Freundin!
Nun habe ich seit meinem letzten wieder viel mehr Zeit vergehen lassen, als ich beabsichtigte. Ich hoffe, meine Zeilen finden Sie wohlauf! Schon fürchte ich, in meinem letzten Schreiben zu offenherzig gewesen zu sein, Sie vielleicht brüskiert zu haben … dann wieder denke ich, daß es an Ihrer gestrengen Tante liegt, daß ich nun schon seit einiger Zeit nichts mehr von Ihnen gehört habe. Leider war es mir unmöglich, auf der Gesellschaft, die unsere liebe von Zacherow vor zwei Wochen auf Falkenhagen gegeben hat, die Baronin unter vier Augen zu sprechen und sie womöglich nach Ihrem näheren Befinden zu fragen, und nun gehen meine Gedanken beständig zu Ihnen und martern mich ob der Befürchtung, Sie vielleicht durch ein unbedachtes Wort von mir getrieben zu haben. Und so sehen Sie mich ganz selbstsüchtig wünschen, daß es wirklich das strenge Regiment Ihrer Tante ist, das Sie am Schreiben hindert, obwohl ich Ihnen nichts mehr wünschte als die Freiheit, über Ihre Korrespondenz selbst zu bestimmen, wie auch über weite andere Teile Ihres Lebens …
Doch wie glücklich machte es mich dennoch zu hören, wie die Baronin von Ihnen erzählte! Ihre Worte waren nicht für meine Ohren bestimmt, sondern für die des jungen Fürsten, dem sie in den schillerndsten Worten Ihre Schönheit beschrieb. Die Fürstinmutter war zugegen, deren genussfeindliche Haltung uns allen bekannt ist, daher äußerte die liebe Agathe sich nicht zu Ihrer Wohlgestalt, obwohl ich – ich gebe es zu – so gern erfahren hätte, ob Sie durch eine Fortsetzung der Schlemmereien, von denen Sie mir berichteten, inzwischen an Umfang gewonnen haben. Doch als die Baronin dem jungen Fürsten sagte, Sie seien „an Schönheit noch gewachsen“, zwinkerte sie leicht und fuhr sich selbst mit der Hand über ihren prächtigen Dickwanst, und die Miene des Fürsten hellte sich angesichts dessen sichtbar auf. Wohl möglich, daß ich zu viel in diese Geste hineinlese, und mehr als wohl möglich, daß der Wunsch hier der Vater meiner Gedanken ist …
Den jungen Fürsten traf ich bei dieser Gesellschaft das erste Mal persönlich, und ich muß sagen, er schlägt nicht nur in seiner Art ganz nach seinem Vater, sondern auch im Äußeren. Seine Stimme ließ mich erschauern, so sehr rief sie die Erinnerung wach an jenen Mann, der mir mit seiner Sinneslust und seinem üppigen Appetit so unvergeßliche Stunden bereitet hat. Und auch im Äußeren erinnerte mich vieles an seinen seligen Vater – das markante Kinn, die klaren grauen Augen. Und die Statur … in Ansätzen nur, natürlich, aber doch unübersehbar.
Die Gesellschaft gab sich einer außerordentlich gut gedeckten Tafel hin, wie sie auf Falkenhagen üblich ist, und obwohl ich in einiger Entfernung der fürstlichen Familie saß, bekam ich doch durchaus mit, daß der Fürst den dargebotenen Speisen in großem Maße zusprach, obwohl er von seiner Frau Mutter dafür mehrfach gerügt wurde. Wie man mir berichtete, verabscheut die Fürstinmutter seit dem Tod ihres Gatten die Völlerei noch mehr als früher. Meine Tischnachbarin, Elisabeth von Sengershain, eine Nichte der Gräfin von Mundau und eine Hopfenstange, die das wundervolle Buffet größtenteils mit Verachtung strafte, träufelte mir während des gesamten Soupers Hofklatsch in die Ohren und wies – mit unübersehbarem Blick auf meine eigene Fülle – ständig darauf hin, wie die Fürstin über wohlgestalte Menschen denkt. Der Fürst habe „gefressen wie ein Schwein“, habe sie gesagt, und sei an seiner Gier zugrunde gegangen, erklärte mir die dürre Elisabeth mit Genugtuung. Nun wisse aber jeder, daß sein Sohn in den letzten Jahren ebenfalls aufgegangen sei wie ein Hefekloß und daß er sich liebend gern gehaltvolle Nachtmähler bereiten lasse, um sich abseits kritischer Augen vor dem Schlafengehen die Wampe vollzuschlagen, bis er völlig übersatt einschliefe. Während ich all dies hörte, sah ich den jungen Fürsten an und ich gebe zu, in einem kurzen Augenblick getraute ich mir vorzustellen, wie sich die Knöpfe seines Rockes immer mehr spannten und er aus der Uniform, die er an jenem Abend trug, durch all diese fetten Abendessen herausplatzte. Meinen eigenen Appetit spornten diese Geschichten der schwatzhaften Elisabeth zusätzlich an, und ich fürchte, sie war sehr enttäuscht, mich nicht angemessen entrüstet zu sehen, sondern mitzuerleben, wie ich mir weitere Vol au vents mit Kalbsragout geben ließ und anschließend keine einzige der angebotenen Süßspeisen ausließ. Zwar war ich selbst für meine Verhältnisse sehr gesättigt, aber die Mousse au Chocolat der Baronin ist so wundervoll, daß ich mir zwei weitere Portionen davon orderte.
So sehr ich an jenem Abend die angebotenen Köstlichkeiten genoss, dennoch zeigte das Gift der spindeldürren Elisabeth ein wenig Wirkung, da ich nun doch darüber nachdachte, ob ich in den vergangenen Wochen nicht zu maßlos geschlemmt hatte. Die Rückfahrt empfand ich übergessen, wie ich war, als recht strapaziös, und die Treppe in mein Schlafgemach ließ mich noch mehr keuchen als sonst. Als ich mich dann entkleidete, erschien mir mein vollgestopfter, übersatter Bauch geradezu grotesk fett und prall vorzustehen, und ich beschloss, nun doch ein wenig Zurückhaltung walten zu lassen, um zumindest nicht weiter so schnell dicker zu werden wie in der letzten Zeit. Schließlich waren die jüngst neu ausgelassenen Kleider schon wieder alle recht eng. Aber, was soll ich Ihnen sagen, liebe Freundin. Ich bin nicht geschaffen für ein Leben der Zurückhaltung.
Nachdem ich einige Tage auf die fettesten und schwersten und süßesten Leckereien verzichtet und mich von gekochtem Gemüse und leichten Tees ernährt hatte, begann ich mich angespannt und mißgelaunt zu fühlen, und meine Lust auf Gänseleber, Mandelhörnchen, Marzipantorte und alles mögliche andere wurde geradezu übermächtig. Am Abend des vierten Tages schließlich ließ ich meinen Koch ein kleines Festmahl aus all jenen Dingen vorbereiten, die ich in den letzten Tagen am meisten vermisst hatte, ließ mir ein unanständig üppiges Essen in meinem Schlafgemach servieren und aß im Nachtkleid, so daß mich meine engen Korsagen nicht behinderten, nach Herzenslust, bis ich mich geschwollenem, dicken Bauch auf mein Bett zurücksank und in Schlaf fiel.
Seitdem werde ich, wenn ich es so drastisch sagen darf, jeden Tag fetter vom Nichtstun und Schlemmen. Diese Phasen sind mir nicht ganz unbekannt, ich habe bereits in der Vergangenheit immer einmal wieder Zeiten erlebt, in denen mein Wunsch danach, mich richtiggehend zu mästen und zu spüren, wie ich immer mehr zunehme, mich geradezu übermannt. So intensiv wie derzeit war es jedoch nie, und ich beobachte mit wohligem Schaudern, wie sich mein ohnehin schon dicker, massiger Wanst immer weiter rundet und selbst meine weitesten Kleider zu sprengen droht. Meine Schenkel haben sich zu stattlichen Säulen entwickelt, die sich bei jedem Schritt behäbig an einander vorbeischieben müssen, und meine Hüften kann ich nur noch mit Mühe zwischen die Lehnen des Stuhles schieben, der an meinem Sekretär steht.
Gerade erreicht mich ein Billet der guten Agathe, die für die nächste Woche eine kleine Soiree plant, bei der sie mir einen lieben Bekannten vorstellen möchte … ich habe eine Vermutung, um wen es sich handeln könnte. Zugegeben, im Augenblick fühle ich mich beinahe zu träge, um meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen, doch reizt mich ihr Gast zu sehr, als daß ich auf seine Bekanntschaft verzichtete, nur um mich einen weiteren Abend ungehemmten Gaumenfreuden hinzugeben. Ich hoffe nur, meine Schneiderin bringt es bis dahin fertig, mir eine neue Garderobe bereitzustellen. Ich kann unmöglich noch einmal das Kleid tragen, das ich bei ihrer letzten Gesellschaft wählte, und das leider derzeit das einzige ist, das meine Massen noch zum umschließen vermag, ohne offenkundig zu knapp zu wirken.
Liebe Sophie, seien Sie versichert, daß ich jeden Tag
an Sie denke. Vielleicht kann mir von Zacherow – Ihre Erlaubnis voraussetzend
– ein wenig von Ihnen berichten. Ich hoffe, Sie sind wohlauf.
Es umarmt Sie innig
Ihre Caroline
* * *
Neunter Brief: Sophie an Caroline, 19. August 1766
… in dem endlich ausführlich von den Leibesdienern die Rede ist und eine Mentorin in Sophies Leben tritt.
Theuerste Freundin!
Sie werden mein langes Schweigen insgeheim mit Mißfallen,
ja vielleicht mit Sorge aufgenommen haben – ich bin untröstlich und
danke Ihnen zugleich für Ihre fortgesetzte Freundlichkeit, die ich aus
Ihren letzten Briefen lese. Zwar ist mein Schweigen Ihnen gegenüber unentschuldbar,
doch trifft mich weniger Schuld, als Sie denken mögen: Erst dieser Tage
fand die Baronin, Ihre liebe und treue Freundin, die Gelegenheit, mir Ihre Briefe
zuzustecken, denn meine Tante kontrolliert seit einiger Zeit meine Post aufs
strengste.
Überhaupt habe ich in den vergangenen Monaten mehr gelitten als billig:
Ohne weitere Gesellschaft, verbrachte ich die meiste Zeit dieses Sommers auf
dem Gut, welches mir, da wir der Anwesenheit der schönen Baronin nur allzuoft
ermangelten, ganz verlassen schien. Einzig meine Zeichenstunden, die mir der
Graf Barolo nach wie vor zu geben pflegte, rissen mich aus dem gleichförmigen
Trott der gepflegten Langeweile, die ich tagein tagaus mit meiner Tante teilte.
Selbst das Essen konnte mir nur wenig Freude und Abwechslung bieten, da meine
Tante seit jener Frühjahrskur bei magerer Kost geblieben ist und ich mich
nur heimlich, dank meiner treuen Zofe und ihrer Mutter, unserer Köchin,
dann und wann mit Schokolade, Honig und Mehlspeisen mästen kann. Ich fürchte
daher, das was die Baronin Ihnen gegenüber von meiner Figur andeutete,
war wohl mehr auf die Zukunft gerichtet, auf das, was ich werden könnte,
als auf mein jetziges Dasein.
Nun aber, da die Baronin mir versprach, zumindest den Rest des Sommers bei uns
auf dem Gut zu bleiben, sehe ich rosigeren Zeiten entgegen und werde bestimmt
Gelegenheit haben, Ihnen regelmäßig zu schreiben!
(20. August 1766)
Bis hierher war ich gestern früh gekommen, als mich die Baronin zu sich
rief und mich zu einem zweiten Frühstück in ihre privaten Gemächer
einlud. Die Gelegenheit war günstig, da die Tante eben zu jener Stunde
in die Kirche fährt und wir für einige Zeit ungestört sein würden.
Mein Herz schlug hoch, als ich mich, lediglich in ein bequemes Negligé gehüllt zu ihr begab, da ich mir fest vorgenommen hatte, für dieses Mal nicht locker zu lassen, bis sie mir über etliche Merkwürdigkeiten Auskunft gegeben; aber bereits ihr freundliches Lächeln, ihre wundervolle, in den letzten Monaten womöglich noch ausladendere Figur beruhigten mich ganz. Und so kam es, daß wir schon wenig später bei köstlichen Croissants geschwenkt in weicher Butter, bei frischem Ziegenkäse, feinen Trüffel und süßen Crepes das eine und andere Glas Perlwein genossen und plauderten. Auch sie war nur flüchtig gekleidet, unsere Sessel standen einander gegenüber, so daß es eine Freude war, im Gesicht der anderen die eigene Lust am Genuß gleichsam gespiegelt zu sehen, und zwanglos, wie ich es nie erlebt hatte, gaben wir uns der Schlemmerei hin.
Unser Gespräch kam von Welt und Wetter auf die Strenge der Tante, auf meine Fortschritte im Zeichnen und schließlich auf den Grafen selbst. Der köstliche Wein hatte mir die Zunge gelöst und ich gestand, daß mich der Graf unter dem Siegel der Verschwiegenheit in ein Separee seines Ateliers zu führen pflegte, um mich die Kunst des Zeichnen am Schönsten zu lehren, was es auf Erden gebe: Am nackten Körper.
Da die Baronin diese Mitteilung nicht schockiert, sondern mit einem gefälligen Nicken aufnahm, fuhr ich fort, ihr zu berichten, wie mich der Graf nach und nach mit den verschiedenen Formen des menschlichen Körpers vertraut gemacht hatte, wobei mir schien, als seien die verschiedenen Modelle von mal zu mal schöner, üppiger geworden. Nach einem starken Kaffee und einem Körbchen voll köstlicher Champagnerpralinees gestand ich ihr schließlich, daß der Graf mich nach einer neuen und experimentellen Lehre zur Kunst erzog: Er habe es die Ästhetik des Gefühls genannt und mich gelehrt, mich zunächst mit geschlossenen Augen dem Model zu nähern, um meinen Tastsinn zu üben, um zu fühlen, welche Schönheit und Pracht ein runder, weicher Körper sei. Erst wenn ich mit meinem Gefühl Maß genommen hätte, sei ich in der Lage, meinen Augen zu folgen und das aufs Papier zu bringen, was ich eben nicht nur gesehen, sondern mit ganzer Seele gefühlt hätte.
Die Baronin war über meine Erzählung ganz still geworden und erst, als ich ihr nach einem weiteren Glas Perlwein gestand, daß mich diese schönen Körper junger Männer und Frauen mit ihren weichen, hängenden Bäuchen, den ausladenden Hüften, breiten Schenkeln und runden Schultern so sehr erregten, daß ich nachts davon zu träumen pflegte, ergriff sie das Wort: „Nun, wie ich sehe“, sagte sie in einem ernsten, oder eigentlich feierlichen Ton, „hat Graf Barolo ganze Arbeit geleistet und Sie, meine liebe Sophie, auf das vorbereitet, was Sie werden können, wenn Sie es nur wollen.“ Jetzt war es ganz still im Raum, und ich fürchtete mich in dieser Sekunde vor nichts mehr, als daß die Kutsche vorfahren und meine Tante aus der Stadt zurückkehren würde. „Wir wissen“, fuhr die Baronin mit bedeutendem Ton fort, „daß Sie nicht nur Gefallen an den üppigen Formen anderer finden, sondern es Ihnen auch selbst Lust bereitet, maßlos zu essen.“ Ich spürte, wie ich rot wurde. „Sie müssen sich dafür nicht schämen, liebes Kind“, und hierbei beugte sie sich mit einem leichten Ächzen vor und berührte mit ihrer schönen weichen Hand liebevoll mein Knie. „Sie sind in guter, was sage ich, in bester Gesellschaft; der verstorbene Fürst, der Graf, ich selbst empfinde ebenso. Aus diesem Grund hat Barolo Ihnen ja auch das Büchlein Carolines von Bernau in die Hände gespielt: Wir wollten Sie vorsichtig an diese, nun nennen wir es: Vorliebe, heranführen, denn leider stößt sie in der Gesellschaft allzuoft auf Unverständnis. Und es dürfte Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, daß gerade nach dem Tod des Fürsten die üppigen Zeiten rar geworden sind.“
Die Baronin machte eine kleine Pause, um einen Schluck Weines zu trinken. Ich wollte ansetzen, etwas zu erwidern, doch sie fiel mir ins Wort: „Hören Sie erst, meine Liebe, bevor Sie reden. Es ist jetzt rund zwanzig Jahre her, da feierte der Fürst, damals schon ein stattlicher Mann, seinen dreißigsten Geburtstag. Er hatte die Regierungsgeschäfte soeben von seinem Vater übernommen, einem überaus strengem, geizigen und durch und durch nüchternen Mann, und verkündete seinen anwesenden Freunden, er wolle zukünftig dafür sorgen, daß niemand mehr in seinem Reich hungern müsse. Zu diesem Zwecke rief er uns, den Grafen Barolo, die Gräfin v. Bernau, mich und einige andere Getreuen auf, mit ihm zusammen einen Geheimbund zu gründen, der dem Ziel verpflichtet sei, dem Genuß, dem Luxus und der Lebensfreude aller Menschen in seinem Reich zu dienen. Dies war die Gründungsstunde der ‚Leibesdiener’.“ Die Baronin schwieg einen Moment, versonnen in Erinnerung. Und auch ich verhielt mich ruhig, wartete aber ungeduldig auf nähere Erklärungen.
„Seit dieser Zeit“, fuhr sie endlich fort, „bemühen wir uns, in dieses karge Land etwas mehr Lebensfreude, in die protestantische Strenge etwas mehr Genuß und in die sparsamen Lebensgewohnheiten etwas mehr Verschwendung zu bringen. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, verpflichteten wir uns zunächst, am eigenen Leibe unsere Ideale auszuleben und uns fortan keinen Beschränkungen mehr hinzugeben. Nun, wie Du siehst, mein Kind“, und hierbei strich sie sich stolz über die Fettringe ihres Bauches, der sich im Sitzen, selbst nach hinten gelehnt, auf ihren Schenkeln in voller Breite auftürmte, „wie Du siehst, zumindest dieses Ziel haben wir erreicht. Was aber das politische Anliegen des seligen Fürsten betrifft, so stehen die Dinge schlecht. Nicht nur die Fürstin, seine Witwe, war von Anfang an dagegen, es den eigenen Untertanen besser gehen zu lassen, ihnen weniger Steuern aufzuerlegen und mehr Freiheit zu schenken, auch die Kirche wurde, sobald es ruchbar war, unser erklärter Feind. Barolo meint sogar, der frühe Tod des Fürsten sei nicht eine Frucht seiner Leibesdienerschaft, sondern vielmehr ein Werk der Diener Gottes. Und auch Deine Tante, fürchte ich, hat sich inzwischen auf die Seite der Fürstin, ihres zwanghaften Geizes und ihrer Lebensfeindschaft geschlagen, jedenfalls kann ich mir nur so ihre Zurückhaltung und ihre täglichen Kirchgänge in letzter Zeit erklären. Früher, ja früher, da waren wir uns einig und hatten eine wundervolle gemeinsame genußreiche Zeit. Wahre Gelage haben wir auf diesem Gut gefeiert bis kein Körnchen mehr in de Speisekammer und kein Tröpfchen mehr im Weinkeller waren – aber jetzt.“ Wieder schwieg die Baronin, nun aber mit sorgevollem Gesicht.
„Niemand kann wissen, was geschieht, die Fürstin ist mächtig, und auch wenn ihr Sohn, der junge Fürst, das Amt seines Vaters würdig ausführen wird, er ist noch zu jung ... Er ist jetzt auf die Hilfe und Unterstützung der Freunde seines Vaters angewiesen – und darauf, daß es an seinem Hof Damen geben wird, die den Glanz und den Genuß schöner runder Körper als Sinnbild unserer Ideale der Öffentlichkeit präsentieren. Als wir Ihre Tante baten, Sie zu sich zu nehmen und auf das Leben am Hofe vorzubereiten, hofften wir, daß Sie Gefallen an unserer Lebensweise finden würden. Und nachdem, was ich in den letzten Monaten beobachten durfte, haben wir uns in Ihnen, mein liebes Kind, nicht getäuscht. Im Gegenteil, Ihr großer Appetit, Ihre Gelehrigkeit im Zeichnen und Fühlen macht uns alle, den Grafen, mich und insbesondere die Gräfin von Bernau sehr, sehr stolz. Aber mit dem Verhalten Ihrer Tante haben wir nicht gerechnet, und auch nicht damit, daß die Fürstin so konsequent und geradezu haßerfüllt gegen uns arbeiten würde. Kurz und gut: Ich kann Ihnen nichts versprechen, niemand weiß, was die nächsten Jahre bringen werden, selbst die Entwicklung des jungen Fürsten ist ungewiß: Ja, er ißt gern reichlich und fett, ja er liebt runde Frauen ( wie mir der Graf erzählt, soll sogar eine sehr schöne und sehr schwere Frau, die viele für seine Mätresse halten, von seiner Mutter vom Hof verbannt werden), aber ob der junge Fürst auch für die politischen Ideale der Gleichheit, Freiheit und Üppigkeit, zu der sich der Bund der Leibesdiener verpflichtet hat, kämpfen wird, muß sich erst noch zeigen. Deshalb möchte ich offen zu Ihnen sein: Wenn Sie sich für uns entscheiden, werden Sie mit unserer ganzen Unterstützung rechnen können, aber zur Zeit können wir Ihnen weder einen festen Platz als Hofdame noch eine lukrative Ehe versprechen – und eins ist sicher, wenn Sie Ihren Mastweg weiter so zielstrebig fortsetzen wie in den letzten Monaten, so ist Ihnen die Feindschaft der Fürstin sicher, und auch mit Ihrer eigenen Tante dürfte es über kurz oder lang Konfrontationen geben.“ Die Baronin schwieg erneut, diesmal aber war klar, daß ich an der Reihe sein würde, das Gespräch fortzuführen.
Ich zögerte keinen Augenblick, nahm statt einer Antwort ein großes Stück einer Nuß-Sahne-Torte mit bloßer Hand und schob es mir lustvoll in den weit geöffneten Mund. Die Baronin lachte erleichtert auf, tat es mir nach und unser Lachen und Fressen endete erst, als auch das letzte Stück Torte in unsern Mündern verschwunden war und wir uns mit cremeverschmierten Gesichtern, aber rundherum glücklich in die Arme fielen. Ihr weicher Körper erregte mich auf eine Art, die kein Halten zuließ, ich begann sie mit geschlossenen Augen zu berühren, über die kurvenreichen Linien ihres Bauches, ihrer Hüften, ihrer Schenkel zu fahren. „Ich sehe, Sie wollen mich zeichnen“, flüsterte mir die Baronin noch zu, ehe sie mich küßte. Der süße Geschmack ihres Mundes ließ mich erschauern und ich ergab mich nun meinerseits der lustvollen Kunst ihres Zeichnens, die sie der Graf schon weit besser gelehrt hatte als mich ...
Ich sehe Sie über meinen Zeilen lächeln, theuerste Caroline, und Sie lächeln zu recht, schildere ich Ihnen doch hier Geheimnisse, die für Sie längst keine mehr sind. Gestern Abend, als ich aus einem langen Schlaf ebenso glücklich wie hungrig erwachte, entdeckte mir die Baronin, daß Sie, liebe Freundin, sich angeboten haben, meine Mentorin zu werden – wie kann ich Ihnen nur danken, mit was diese Großzügigkeit erwidern, daß Sie mir Ihre Zeit, Ihre Aufmerksamkeit, Ihren Rat, Ihre Erfahrungen schenken wollen?
Ach, meine liebe Caroline, wieder sehe ich Sie lächeln. Wie einfältig muß ich Ihnen vorkommen. Doch erst jetzt sehe ich Ereignisse, die mir noch vor einem viertel Jahr zusammenhangslos erschienen, als weise Entscheidung der „Leibesdiener“ an, mich nach und nach an das zu gewöhnen, was ich werden soll. Was für eine Freude zu wissen, daß auch Sie, meine geliebte Freundin, dazu gehören, ja daß Sie meine Mentorin, meine „Leibesschwester im Geiste“ sind oder zumindest werden sollen, wenn ich die Prüfungen der kommenden Jahre bestehe und mich würdig zeige, in den Orden der „Leibesdiener“ aufgenommen zu werden.
Nun ergibt alles einen Sinn: Die Ankunft des Grafen Barolo, sein Vorschlag, mich zum Zeichenunterricht in die Stadt kommen zu lassen, die üppigen und immer üppigeren Aktmodelle, mit denen er mich so viele Stunden allein ließ, das Buch (Ihr Buch, meine Liebe), das er mir mit aufs Zimmer gab, all die freundlichen Ermunterungen der Baronin, doch beim Essen nicht allzu zurückhaltend zu sein, die plötzliche Strenge der Tante, und nicht zuletzt Ihre wundervollen und so offenherzigen Briefe! All dies war kein Zufall, sondern dienten „der Sache“, dem Gewinn eines neuen jungen Mitglieds jenes Ordens, der stolz darauf ist, Sie als eine ihrer Mitbegründerinnen zu wissen.
Noch weiß ich wenig von den Regeln des Ordens, noch bin ich keine Eingeweihte, doch verriet mir die Baronin immerhin soviel, daß zu den unablässigen Pflichten der Leibesbrüder und -Schwestern gehört, ihren Mentoren verläßlich Bericht von jeder Regung ihrer Seele, von jede Veränderung ihres Leibes zu erstatten, um sich dadurch für eine Ordenszugehörigkeit zu empfehlen, so wie auch diejenigen, die dem Orden bereits als vollwertige Brüder und Schwestern angehören, sich strenger Beobachtungen unterziehen müssen.
Oh, meine theure Freundin, mit welcher Freude werde ich meinen Pflichten nachkommen, ja es wird für mich keine Pflicht, sondern pures Vergnügen sein, Sie von meinen Fortschritten, von meinem wachsenden Fett und meiner zunehmenden Bequemlichkeit zu unterrichten! Ebenso werde ich Ihre begierige Schülerin sein und alles, was Sie mir von Ihrer so beeindruckenden Mast-Karriere berichten werden, treu in meinem Herzen verwahren und anzuwenden suchen.
Nur für heute bitte ich mir Urlaub aus, da meine Tante wieder in der Kirche ist und mich die Baronin auf Ihr Zimmer zum Mittagessen bittet...
Es umart und grüßt Sie mit tausend zärtlichen Küssen, in großer Liebe und Dankbarkeit
Ihre Sophie